Brainshare: Das Ende vom Anfang
Die Absage der Hausmesse Brainshare durch Novell produziert Verlierer und Profiteure gleichermaßen. Bleibt die Frage, ob solche Hausmessen im Zeitalter der sozialen Netzwerke noch zeitgemäß sind.
Disclaimer, geh mal voran: Als Journalist habe ich mehr als ein Dutzend Brainshares in Salt Lake City und in verschiedenen europäischen Städten besucht, meistens auf Kosten von Novell, gelegentlich finanziert von Novell-Partnern, einmal auch als Selbstzahler. Die ersten Brainshares waren dabei die härtesten. Bis zum Erscheinen von Netware 3.12 SFT verlangte Novell von den Fach-Journalisten das Büffeln von Multiple Choice-Vorlagen und Testritualen, die zum Erreichen eines CNE (Certified Netware Engineer) führten.
Denn die jetzt abgesagte Brainshare war immer eine Dreieinigkeit: eine Messe mit Vorstellung der neuesten oder künftigen Produkte, eine Qualifizierungsoffensive für Netware- (und später Suse)-Admins und eine längere Party, auf der man viele Freunde auf dem roten Kontinent fand. Der schleichende Verfall begann mit dem Aus für den europäischen Brainshare-Ableger: bei enorm fallenden Flugkosten lohnte es sich nicht mehr, ins teure Barcelona zufliegen, wenn das Original in Salt Lake City billiger zu haben war. Die ehemalige Olympiastadt profitierte von der Hausmesse, die zur CeBIT-Zeit über 5000 Gäste brachte, die eine geschlagene Woche lang geschult und verpflegt wurden.
Salt Lake City, die Hauptstadt des US-Bundesstaates Utah, ist darum der große Verlierer. Im Jahre 2008 wurden 5500 Brainshare-Besucher aus 85 Ländern gezählt, die von 65 Sponsoren verköstigt und allabendlich unterhalten wurden. Die Absage von Novell bringt der Mormonenmetropole einen Ausfall von fest eingeplanten 15 Millionen im Stadtsäckel, wobei die Ausfälle in der Hotelbranche dabei nicht mitgerechnet sind. Als erstes haben die Fluggesellschaften reagiert, die ihr Sitzplatzangebot von Flügen an den großen Salzsee drastisch reduzieren. Novell, einstmals nach dem Aufkauf von Wordperfect der größte Arbeitgeber der Region, beschäftigt in Utah nur noch 1200 seiner 4000 Mitarbeitern. Neue Arbeitsplätze entstehen bei Novell in Indien, die Partyzeit von Salt Lake City ist vorbei.
Schneller als ein Netware-Server mittels Purge Dateien ins Nirvana schicken kann, reagierte der Sicherheitsspezialist Gwava, der bereits auf den letzten Hausmessen von Novell sehr präsent war und zuletzt mit eigenen Messen (Gwava-Conventions) in Berlin und München expandierte. Die nächste Gwavacon, die in Las Vegas vom 25. bis 27. Januar stattfindet, wurde prompt zur offiziellen Hausmesse von Novell geadelt, auf der Groupwise 8, Zenworks und Novell Teaming mit neuen Versionen vorgestellt werden. Dazu hat Gwava ein Programm aufgelegt, nach dem Brainshare-Teilnehmer die Umbuchungs-Gebühren für bereits georderte Flüge ersetzt bekommen, wenn sie in Las Vegas erscheinen.
Was Gwava indes nicht replizieren kann, sind die Schulungen, mit denen Novell die Fußtruppen versorgte. Seit drei Jahren liegt der Schwerpunkt auf Linux mit Angeboten zum Enterprise Server und zu den Enterprise Desktops. Nicht von ungefähr betonte Marketing-Chef John Dragoon in der offiziellen Absage, dass man nach Mitteln und Wegen suche, die Schulungen Online anzubieten.
Solche Webinare werden von den Administratoren begrüßt. "Mir ist klar, dass man bei einer Veranstaltung wie der Brainshare zwischen den Vorträgen eine ganze Menge mehr mitnehmen kann, als die reinen Vortrags-Inhalte bei einem Online-Webinar", erläuterte ein altgedienter Administrator die Situation gegenüber heise online. "Aber wenn Novell es tatsächlich wahr macht und die Inhalte als Webinar angebietet, werde ich – und viele andere, die normalerweise selten hinfliegen können – in den 'Genuss' kommen, 'Brainshare-Inhalte aus erster Hand' zu hören, sehen und lesen." Auf Webinaren von Novell und anderen Herstellern könne man eine "Menge mehr lernen, als ich mir mit Präsenz-Seminaren zeitlich und geldlich leisten könnte".
Was dann noch fehlt, kann man in vielen Blogs lesen, die die Entscheidung von Novell kommentieren. Meetings, Messen und Kongresse, die vor allem von der aktiven Open Source Community organisiert werden, müssen herhalten, die nötige Kultur zu vermitteln, das Kennenlernen anderer Mitstreiter zu organisieren, damit die soziale Netzwerke der Admins Bestand haben und nicht schnell einmal mit wüsten Flamewars ausgeräuchert werden. (Detlef Borchers) / (vbr)