Erste Betreiberverträge für neue Top Level Domains unterzeichnet
Die ICANN hat zum Auftakt des Treffens in Durban mit drei Registries die Betreiberverträge für die ersten neuen Top Level Domains unterzeichnet. Unterdessen geht der Streit um den Datenschutz bei Registraren weiter.
Die Internet Corporation for Assigned Names and Number (ICANN) hat für die ersten vier neuen Top Level Domains (TLD) Betreiberverträge mit den Antragstellern geschlossen. Zum Auftakt des 47. ICANN-Treffens in Durban am Montag unterzeichnete ICANN-Präsident Fadi Chehade die Verträge für die Domains "شبكة" (das arabische Wort für "Netz"), "游戏" (Chinesisch für "Spiel") sowie "онлайн" und "сайт" ("Online" und "Site" in kyrillischer Schreibweise).
Erst Mitte 2011 hatte sich die ICANN endgültig dazu durchgerungen, den Internet-Namensraum zu öffnen und neue Adresszonen einzuführen. Damit möchte die ICANN ein reguläres Verfahren für die fortgesetzte Beantragung neuer Adresszonen im Stil von .com oder .biz etablieren, mit dem sich nahezu beliebige Begriffe für Top Level Domains auswählen lassen. Die ICANN hatte das komplizierte und teure Bewerbungsverfahren für neue Internet-Adresszonen wie ".berlin", ".music" oder ".sport" Anfang 2012 gestartet; nach einigen Pannen, die zur vorübergehenden Aussetzung des Verfahrens führten, konnten Bewerber endlich im Mai 2012 ihr Begehr für neue Top Level Domains vorbringen. Insgesamt 2000 Anträge auf neue Top Level Domains gingen ein. Beim 47. ICANN-Treffen in Durban sind die neuen TLDs nun weiterhin dennoch Hauptdiskussionsthema.
Mit den nun unterzeichneten Verträgen können die ersten TLDs ab dem 5. September in die Rootzone eingetragen werden. Unmittelbar nach dem Vertragsabschluss müssen die Bewerber weitere technische Tests absolvieren. Anschließend folgt die Eintragung bei der IANA, dabei muss auch das US-Handelsministerium jeweils grünes Licht für die Eintragung geben. Betreiber der vier nicht-englischen Zonen, die im Bewerbungsverfahren vorrangig behandelt wurden, sind westliche Registries.
Zugleich unterzeichneten die ersten Registrare, allen voran der US-Hoster GoDaddy, ihre Verträge mit der ICANN, die sie zum Vertrieb der neuen Domains berechtigen. EU-Registrare zögerten allerdings noch, sagte Michele Neylon, CEO des irischen Registrars Blacknight und Vorsitzender der Registar-Gruppe der ICANN. Lediglich ein französicher Registrar habe am Montag unterzeichnet. “Wir möchten erst die Datenschutzausnahme festgeklopft haben”, erklärte Neylon. Die neuen Registrar-Verträge sehen langfristige Speicherpflichten etwa für Daten der Domaininhaber vor. Die Europäer sehen darin einen Konflikt mit dem EU-Datenschutz und fordern Ausnahmen.
Darüber hinaus stellte ICANN-Präsident Chehade auch weitere Änderungen der Strukturen der Selbstverwaltung in Aussicht. Mehrere Arbeitsgruppen sollen sich mit den Aufgaben der Organisation “im öffentlichen Interesse”, mit technischen Herausforderungen und mit der Zusammenarbeit mit anderen internationalen Organisationen (etwa der Internationalen Fernmeldeunion, aber auch der Internet Society) befassen. Chehade hat als Vorsitzende der Expertengruppen den afrikanischen Internetpionier Nii Quaynor, DNS-Entwickler Paul Mockapetris und “Internet-Vater” Vint Cerf gewonnen. Die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen soll durch ein weiteres neues ICANN-Büro in Genf unterstützt werden.
Eine weitere Gruppe unter Leitung von Beth Simone Noveck, frühere Chefin des Open Government-Programms von US-Präsident Barack Obama, soll das manchmal holprige Verfahren renovieren, neue Domain-Regeln unter Beteiligung aller Interessengruppen ("Multi-Stakeholder-Modell”) zu schaffen. Laut jüngsten Erkenntnissen des Accountability & Transparency Review Team der ICANN wird dabei vor allem die Arbeit des Regierungsbeirats als nicht ausreichend offen kritisiert. Es gebe keine Verhaltensmaßregeln, wie sie etwa für andere Gruppen in Bezug auf mögliche Interessenkonflikte eingeführt wurden. Die kanadische Vorsitzende des Regierungsbeirates, Heather Dryden, bestätigte, dass Regierungsvertreter unter beträchtlichem Lobbydruck stehen. (vbr)