Was wirklich wahr war: Die Auflösung eines Sommerrätsels
Der erste Teil des traditionellen Sommerrätsels ist vorüber, acht von zehn Fragen wurden gelöst. Hal Faber sucht unterdessen mit ganz Deutschland nach der Antwort auf Friedrichs große Frage.
Der erste Teil des traditionellen Sommerrätsels ist vorüber. Acht von zehn Fragen wurden gelöst. Dennoch ist ganz Deutschland im Ratefieber. Schließlich hat Bundesinnenminister Friedrich von seiner kritisierten US-Mission die Zahl von fünf verhinderten Terroranschlägen mitgebracht. Einer – die Geschichte der Sauerland-Gruppe – ist bekannt, über vier weitere wird gerätselt.
Frage 1 beschäftigte sich mit einem Wortschwall von Regierungssprecher Steffen Seibert, abgeliefert in der Bundespressekonferenz, mit ROT13 standesgemäß unglücklich definiert. Die richtige Antwort des gesunden Menschenverstandes stand in der taz und lautete schlicht "Hä?" Die gesamte Pressekonferenz wurde übrigens von einem OSINT-Analytiker auf Fakten abgeklopft. Das Ergebnis: 1. Es gibt eine Bundesregierung. 2. Was die Regierung tut, ist geheim. 3. Es gibt Recht und Gesetz. 4. Die Bundesregierung führt detaillierte Gespräche über etwas, das sie nicht weiß. 5. Dazu benutzt sie Flugzeuge. Man muss anerkennen, das "Hä?" die bessere Zusammenfassung ist.
Frage 2 nach dem lieblichen Trittenheim, das nicht identisch ist mit dem Geheimdienst-Mekka Meckenheim, führt schnurstracks zum Werk des Johannes Trithemius, der 1519 die Polygraphiae veröffentlichte, das erste westliche Standardwerk über Verschlüsselung. Das erste bekannte Werk zur Krypto-Analyse stammt nach derzeitigen Erkenntnissen von al-Kindi und wurde erst 1987 entdeckt.
Frage 3 suchte den NSAkey in leicht verschlüsselter Form, Frage 5 dazu passend nach Lotus Notes, der ersten kommerziellen Software mit eingebauter Verschlüsselung. Ursprünglich durften nur 40Bit-Schlüssel eingesetzt werden, doch Lotus erreichte nach zähen Verhandlungen eine stärkere Verschlüsselung mit 64Bit-Schlüsseln. Das Ganze um den Preis eines "Workload Reduction Factor" für die NSA: ein 24Bit-Schlüssel, NSA-Key genannt, war Teil des Schlüsselsystems. Damit war Notes international stark geschützt und die NSA hatte trotzdem leichtes Spiel.
Frage 4 dazwischen wurde nicht gelöst. Der Hinweis auf das Meisternetz und das Hirn war zu wenig Chiffrat, um Theodores Roszaks 1981 geschriebenen Roman "Wanzen im Hirn. Das Märchen vom Ende der Computer" zu erkennen. US-amerikanische Wissenschaftler betreiben den Supercomputer "Hirn", der über das Meisternet auf 5000 weitere Computer zugreift und das gesamte Land kontrolliert. Im eigentlichen Hirn entsteht eines Tages ein kleines verschlüsseltes Programm, eine Wanze, die sich selbstständig macht und über das Meisternetz entweicht. Schließlich wird sogar das Arpanetz der Militärs befallen. Darüber hinaus entweichen die Wanzen aus den Computern: Für Menschen ist der Kontakt mit ihnen tödlich. Den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sämtliche Computer abzuschalten und zu verschrotten.
Keineswegs verschrottbar ist das PGP-Buch (PDF-Datei), das vom Verein formerly known as FoeBuD (heute Digitalcourage e.V.) herausgegeben wurde. Nach diesem Buch wurde in Frage 6 gesucht. Es ist heute technisch veraltet, aber das Vorwort gilt unverändert: "Lassen Sie sich nicht erzählen, daß Sicherheit, Ordnung und unsere Demokratie durch Verschlüsselung gefährdet seien: 'Es hat keinen Sinn, die Demokratie dadurch zu schützen, indem wir sie abschaffen.' Dieser Satz von Ingo Ruhmann ist schlicht, einfach und richtig." Mittlerweile wird Ruhmanns Sentenz dem SPDler Wolfgang Thierse zugeschrieben. So ändern sich die Zeiten.
Die ungelöste Frage 7 suchte den deutschen Whistleblower Karl Gebauer, der als Sicherheitsbeauftragter von IBM Wilhelmshaven Zugang zu den geheimsten NATO-Plänen beim Projekt "Tenne" hatte. Tenne war einer der ersten Versuche hierzulande, ein computergestütztes Führungsinformationssystem einzusetzen. Gebauer sah in Tenne eine Erstschlagsplanung der Marine in der Ostsee auf die Truppen des Warschauer Pakts. Er versuchte zunächst, die westdeutsche Presse für die Pläne zu interessieren und wandte sich schließlich bewusst an die DDR, um die Rüstungsparität und damit den relativen Frieden zwischen den Blöcken zu sichern. Die DDR bekam durch ihn Kenntnis von Tenne, als Doppelagent meldete er jedoch auch Ostreisen von IBM-Mitarbeitern an den BND weiter. Das Landesamt für Verfassungsschutz Niedersachsen wollte ihn zudem auf die Grünen ansetzen. Gebauer verriet Details des BRD-Verschlüsselungssystemes Elcrovox an die DDR.
Frage 8 zeigte den bis heute nicht geknackten 4. Teil von Kryptos, jener Verschlüsselungsskulptur des Künstlers Jim Sanborn, die seit 1990 vor dem Hauptquarten der CIA steht. Frage 9 interessierte sich für das Schicksal der US-amerikanischen NSA-Überläufer William Hamilton Martin und Bernon F. Mitchell, die sich 1963 nach Russland absetzten. Beide empörten sich darüber, wie die NSA die eigenen Verbündeten ausspionierten. Frage 10 enthielt eine Verschlüsselung mit dem Playfair Code und einen Hinweis auf ein Buch von Dorothy L. Sayers, in dem dieser Code eine wichtige Rolle spielte. Das reichte einem Leser um diese Sätze aus Prag 1968 zum Einmarsch des Warschauer Paktes zu entschlüsseln, die angesichts von Prism & Co neue Gültigkeit haben:
Wir haben nichts gelernt,
wir wissen nichts,
wir verstehen nichts,
wir verkaufen nichts,
wir helfen nicht,
wir verraten nicht
und
wir vergessen nicht.
(vbr)