Die Bezwinger der Wüsten
Jedes Jahr werden Ackerflächen von der Größe Österreichs zu Wüsten. Das Emirat Katar versucht, mit viel Geld und Hightech dagegen vorzugehen. Aber es geht auch einfacher, wie ein Renaturierungsprojekt in Niger zeigt.
- Alexander Stirn
Jedes Jahr werden Ackerflächen von der Größe Österreichs zu Wüsten. Das Emirat Katar versucht, mit viel Geld und Hightech dagegen vorzugehen. Aber es geht auch einfacher, wie ein Renaturierungsprojekt in Niger zeigt.
Das grüne Band erstreckt sich bis zum Horizont. Es wird gesäumt von gläsernen Hütten, in deren Dächern sich die Sonne spiegelt. Schmale Mauern begrenzen die grüne Pracht, direkt dahinter beginnt die Wüste: extreme Trockenheit, unmenschliche Temperaturen, Sand, so weit das Auge reicht. Es braucht nicht viel Fantasie, um das grüne Band als Fata Morgana abzutun. Das ist es auch. Noch. Allerdings soll diese Fata Morgana mit Milliarden von Dollar Wirklichkeit werden.
Die künstliche Oase, die bislang nur in einer Computeranimation existiert, ist Teil des Sahara Forest Project, eines ambitionierten Plans zur Begrünung von Wüsten. Mit seiner Hilfe wollen Ingenieure in den kommenden Jahren fruchtbares Ackerland in einigen der unwirtlichsten Regionen der Erde schaffen – in Nordafrika, vor allem aber in Katar. Bislang sieht es dort ganz anders aus: Das Emirat am Persischen Golf hat mit immenser Trockenheit zu kämpfen. 99,9 Prozent des Trinkwassers kommen aus dem Meer und müssen aufwendig entsalzt werden. Der Wasservorrat reicht lediglich für 48 Stunden. Trotzdem gehen die 1,7 Millionen Einwohner alles andere als sparsam mit dem kostbaren Nass um: Katar ist eines der Länder mit dem weltweit höchsten Wasserverbrauch – unter anderem wegen der fast täglichen Autowäsche.
Für die Landwirtschaft bleibt da kaum etwas übrig: Von den knapp 24000 Hektar Ackerland (entspricht etwa ein Drittel der Fläche Hamburgs) wird lediglich die Hälfte bewirtschaftet. Folglich müssen mehr als 90 Prozent der Nahrungsmittel importiert werden; rund eine Milliarde Euro gibt Katar dafür pro Jahr aus. Zumindest bislang. Das grüne Band soll das ändern.
Katar ist mit seinen Sorgen nicht allein: Weltweit sind die Wüsten auf dem Vormarsch. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen verschwinden jährlich zwischen sechs und zehn Millionen Hektar Ackerland – etwa die Fläche Österreichs – durch Straßen und Gebäude, vor allem aber durch Erosion und Raubbau am Boden. „Allein in Afrika haben wir in den vergangenen 40 bis 50 Jahren etwa 300 Millionen Hektar nutzbare Fläche verloren“, sagt der Agrarwissenschaftler Klaus Becker von der Universität Hohenheim. „Da muss dringend gegengesteuert werden.“ Wie das geschehen soll – durch technische Lösungen, durch einen besseren Umgang mit dem vorhandenen Wasser, durch Rückbesinnung auf traditionelle Methoden –, ist unter Experten allerdings umstritten.
Katar versucht es mit immensem technischen Aufwand: Etwa 40 Kilometer südlich der Hauptstadt Doha, in einem schmucklosen Industriegebiet, steht die 5,3-Millionen-Dollar-Pilotanlage des Sahara Forest Project. Der Emir hat sie vergangenen Dezember persönlich eröffnet. Inzwischen ist die Zeit der Ernte gekommen: Gerade ziehen die Katarer tiefgrünen Rucola aus dem sandigen Boden. Die Gerste nebenan, das zeigen Bilder im Internet, ist bereits abgeerntet. „Wir konzentrieren uns darauf, mit Dingen, von denen wir genug haben, genau jene Güter zu produzieren, die wir am dringendsten benötigen“, sagt Joakim Hauge, der Geschäftsführer des Projekts. „Aus Wüste, Salzwasser und CO2 werden auf diese Weise Nahrung, Wasser und saubere Energie.“ (jlu)