Hessischer Web-Wahlkampf
Zumindest mit seinem Web-Auftritt scheint der hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel vor dem CDU-Minsterpräsidenten Roland Koch zu liegen. Die vorgezogene Landtagswahl fördert den Web-Wahlkampf - die Parteien setzen meist auf Altbewährtes.
In Hessen ist wieder Wahlkampf. Doch auf auf die große Flut von Plakaten für die vorgezogene Landtagswahl am 18. Januar haben die Parteien in der Advents- und Weihnachtszeit zunächst verzichtet. Umso mehr Bedeutung kommt dem Stimmensammeln im World Wide Web zu. "Das Internet ist im Wahlkampf wichtig – und in solch einer Situation noch wichtiger", betont Kommunikations-Expertin Andrea Römmele, die als Professorin an der International University in Bruchsal lehrt.
Angesichts klammer Parteikassen und der gebotenen Eile bis zum Showdown biete das Internet Chancen für die fünf großen Parteien, sagt Politikwissenschaftler Christoph Bieber vom Zentrum für Medien und Interaktivität (ZMI) der Universität Gießen. Aber: "Zunächst einmal haben die Menschen Weihnachten im Kopf, dann erst kommt die Wahl." Auch deshalb habe der Wahlkampf im Web noch nicht richtig Fahrt aufgenommen. Bislang agierten die Parteien und Protagonisten eher überwiegend "verhalten und unspektakulär". Der einzige, der bislang von sich reden macht, sei SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel – so die einhellige Experten-Meinung.
Große Nachrichten-Plattformen im Internet und überregionale Tageszeitungen berichteten bereits über die Web-Aktivitäten des Herausforderers von Amtsinhaber Ministerpräsident Roland Koch (CDU). "Schäfer-Gümbel nutzt das Internet als Experimentierfeld und sorgt für Aufmerksamkeit. Das macht er gut", findet Römmele. Er wirke bei seinen auf Youtube mehr als 50.000 Mal angeklickten Videobotschaften und auf seiner eigenen Internetseite zwar "hemdsärmelig, aber auch authentisch und originell". Schäfer-Gümbel verkörpere "den ehrlichen Kandidaten, den Kandidaten zum Anfassen". Und sei so das Gegenteil von Koch, dessen Auftritt die Wahlkampfforscherin als "glatt, aber professionell" bewertet.
Der Ministerpräsident ist natürlich nicht untätig und bietet auf seiner Internetseite ebenso wie sein SPD-Widersacher zahlreiche Videos an. Laut Politikwissenschaftler Bieber erscheint Koch dabei aber viel staatstragender und unauffälliger: "Der klassische Auftritt eines Amtsinhabers." Laut der Experten hinterlässt Schäfer-Gümbel einen originelleren und vielschichtigeren Eindruck im Netz. "Er hat sich ins Gespräch gebracht", sagt Römmele. 1:0 für "TSG" – wie er aufgrund seines sperrigen Doppelnamens abgekürzt wird. Doch der Novize auf der großen Landespolitik-Bühne profitiert natürlich auch davon, dass noch nicht allzu viel über ihn bekannt ist.
Bei den Parteien gibt nach Auffassung von Bieber die Hessen-SPD die beste Figur im World Wide Web ab: "Die machen noch am meisten." Doch bei allen Gruppen sei das Festhalten an Altbewährtem augenscheinlich. "Die Internet-Aktivitäten der großen Parteien nehmen sich insgesamt nicht viel", resümiert hingegen Römmele. Qualitative Unterschiede hat aber Bieber beobachtet: Besonders altbacken präsentiere sich zum Beispiel der Linken-Spitzenkandidat Willi van Ooyen, auch die FDP stagniere bei ihrem Web-Auftritt.
Wie man durch das Internet Massen mobilisieren kann und Wählerschichten anspricht, die man durch TV und Tageszeitungen nicht ganz so gut erreicht, hat Barack Obama bei der US-Wahl vorgemacht. Doch diese Kampagnen seien auch um einiges teurer und besser vorbereitet gewesen als die der vergleichsweise kleinen Parteien in Hessen, verdeutlicht Bieber. Potenzielle Wähler bekamen von Obamas Wahlkampf-Machern individualisierte Kurznachrichten – eine Art Mini- Nachrichten-Ticker auf jeweilige Zielgruppen abgestimmt. Davon ist man zwischen Kassel und Darmstadt, Gießen und Fulda noch entfernt. (Jörn Perske, dpa) / (jk)