Die Solarindustrie setzt auf Japan
Während Europa und die USA schwächeln, entwickelt sich Nippon zum Hoffnungsmarkt für Sonnenstrom, wie ein Besuch auf der Messe "PV Japan" zeigt.
- Martin Kölling
Während Europa und die USA schwächeln, entwickelt sich Nippon zum Hoffnungsmarkt für Sonnenstrom, wie ein Besuch auf der Messe "PV Japan" zeigt.
Mit dem Markt für Solaranlagen verhält es sich derzeit wie mit kommunizierenden Röhren. Fällt der Pegel in einer oder mehreren Regionen wie derzeit in Europa, steigt er anderswo an. Und das Anderswo liegt zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Japan. Denn hier hat die Politik voriges Jahr nach der Atomkatastrophe ein Energieeinspeisegesetz durchgesetzt, um Nippons ehedem peinlich niedrige Solarstromerzeugung deutlich zu erhöhen. Für dieses Jahr erwarten die Hersteller Installationen mit einer Gesamtleistung von 3,5 bis 5 Gigawatt. Damit könnte Japan Deutschland übertreffen.
Dementsprechend drängeln sich nun die globalen Hersteller auf den japanischen Markt – wie gut auf der Messe "PV Japan" zu beobachten ist, die am Mittwoch in Tokio begonnen hat. Am augenfälligsten geht dabei der griechische Hersteller Recom vor. Bei seinem ersten Auftritt in Japan hat er seinen Stand nicht nur direkt am Eingang aufgeschlagen, sondern als Augenfänger hochaufgeschossene Blondinen angeheuert. Sex sells, auch bei Solarzellen, sagen die Griechen. Sie hätten massiven Erfolg am Markt, werden sie nicht müde zu betonen. Allerdings auf niedrigem Niveau. In den ersten sechs Monaten hätten sie Module für 45 MW verkauft.
Da drehen andere Anbieter weit größere Räder, allerdings nicht alle mit Erfolg. Deutschlands Q-Cells heißt jetzt hier Hanwha Q-Cells, seit die Koreaner den einstigen Shootingstar der Solarszene aus der Konkursmasse gekauft haben. Kurioserweise sind andere Pleiteunternehmen auf der Messe noch prominent vertreten, darunter Suntech Power aus China, die in Japan seit Jahren stark vertreten sind, und Conergy aus Deutschland.
Als deutscher Nichtpleitier ist auch SolarWorld vertreten. Der Markt sei gerade für deutsche Unternehmen sehr vielversprechend, weil in Japan noch Qualität verlangt und auch bezahlt werde, versicherte mir Max von Romatowski, Geschäftsführer von SolarWorld Asia Pacific. Und bei ihm auf dem Stand wird es auf einmal auch technisch interessant.
Die Deutschen stellen auch in Japan ihr neuestes Produkt vor, das erst kürzlich in Deutschland gezeigt worden war: Ein Modul, bei dem der Stromlieferant direkt zwischen zwei Glasplatten gesandwicht wird. Dies, so wurde mir versichert, sei der Traum vieler Hersteller. Denn dadurch würden die Module sehr langlebig. Das Problem war allerdings, dass Module mit dieser Bauweise 40 Kilogramm auf die Waage gebracht hätten und zu schwer zum Verbau gewesen wären. SolarWorld hat die Gläser auf zwei Millimeter verdünnt, wodurch ein Modul nur noch tragbare 22 Kilogramm wiegt.
Fast daneben am Stand von Solar Frontier, einer entfernten japanischen Shell-Tochter, geht es ähnlich dünn zu. Das Unternehmen ist einer der wenigen großen Dünnschichthersteller, der das Glück hat, durch das Einspeisegesetz aus einer Klemme gerettet zu werden. Solar Frontier hatte in ein riesiges 900 Megawatt-Werk investiert, aber zuerst kaum Aufträge erhalten. Denn seit der Siliziumpreis abgesackt ist, sind kristalline Zellen wieder extrem wettbewerbsfähig. Aber dank des Booms daheim ist das Werk inzwischen zu 100 Prozent ausgelastet, sagt Kommunikationschef Nobuyuki Nakajima.
Das neue Modul "Solacis neo" soll die nächste Expansionsstufe zünden: Mit 6,5 Millimetern ist es dünner als ein Smartphone – und auch dünner als das Konkurrenzprodukt von SolarWorld. Das kommt nämlich noch mit einem etwa drei Zentimeter Alurahmen daher. Aber der Clou ist ein anderer, erklärt Nakajima. Im Gegensatz zu den kristallinen Zellen könne man das neue Modul leicht biegen. "Dies ist ein Hinweis auf ein neues Produkt, das wir bald auf den Markt bringen werden", verheißt er.
Aha, es soll wohl flexibel werden – und dabei weit effizienter und dauerhafter als flexible organische Solarzellen, die es jetzt schon in biegbarer Form gibt. Effizienzfanatiker werden wahrscheinlich dennoch auch bei Solar Frontiers Vorstoß die Nase rümpfen. Denn bei gebogenen Sonnenfängern sinkt die Ausbeute in den Regionen, die das Sonnenlicht in suboptimalen Winkeln bestrahlt. Aber Designer und Architekten dürften frohlocken, dass sie nun freier stromproduzierende Hausfassaden entwerfen können. Mir gefällt dieser Ansatz. Und ich hoffe, dass er sich auszahlt. Denn warum soll das Stadtbild vollends der Effizienz geopfert werden? (bsc)