Wann kommen die ersten SAP-Läden?

Der stationäre Handel ist ein Modell von gestern? Von wegen! Dieser Ansicht scheint zumindest SAP-Gründer und Chefaufseher Hasso Plattner zu sein. Seine Aufforderung, SAP brauche Shops in den Metropolen dieser Welt, sorgte jedenfalls innerhalb und außerhalb des Softwarekonzerns für Erstaunen und Rätselraten.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber SAP-GrĂĽnder und -Aufsichtsratschef Dr. Hasso Plattner,

SAP-Gruender und Chefaufseher Hasso Plattner

(Bild: SAP)

ich habe in den vergangenen Wochen viel an Sie gedacht. Genau gesagt habe ich mich immer wieder gefragt, welcher Teufel Sie geritten hatte, als Sie in einem Magazin-Interview erklärten, SAP solle in den Metropolen dieser Welt eigene Ladengeschäfte aufmachen. SAP und Ladengeschäfte? Hallo! Wie soll das denn funktionieren? Was wollen Sie denn da verkaufen?

Ich habe mir immer und immer wieder die Passage des Interviews durchgelesen in der Hoffnung, Sie hätten sich vielleicht von dem Journalisten aufs Glatteis führen lassen oder Sie hätten im Eifer des Gefechts etwas gesagt, was Sie hinterher selbst als totalen Blödsinn erkannt hätten. Aber so war es ja nicht. Sie waren anscheinend bei klarem Verstand, und außerdem ist Ihnen das Interview vor Drucklegung sicher zur Autorisierung vorgelegt worden. Also es war Ihnen schon Ernst. Gut, was haben Sie genau gesagt? Ich habe die fragliche Passage aus dem mehrseitigen Interview mal herausgeschnitten; es fängt damit an, dass Sie zunächst einmal auf den lahmen SAP-Vertrieb schimpfen, der die tollen Produkte wie zum Beispiel Hana nicht richtig an den Mann bringe.

Darauf der Wiwo-Redakteur: "Warum nicht?“

Darauf Sie: "Weil der Vertrieb noch nicht darauf ausgerichtet ist, Einzelkomponenten für Hana zu verkaufen. Einzelkomponenten muss man in einem Web-Shop verkaufen. Heute kaufen Menschen und Unternehmen immer mehr online. Hier muss der SAP-Online-Shop die Nummer eins für Geschäftssoftware werden. Da sind wir noch nicht.“

Jetzt wieder der Wiwo-Redakteur: "Apple hat sogar stationäre Läden.“ (Keine Ahnung, wie er darauf gekommen ist, diese Frage zustellen - was hat Apple mit SAP gemeinsam?)

Und jetzt kommt´s. Dankbar nehmen Sie den Ball auf und erklären: "Die Zukunft ist eine Kombination aus Verkauf und Beratung im Internet und Shops mit hoher Visibilität in den großen urbanen Zentren weltweit. Apple macht das, Burberry, jetzt auch Microsoft. Ich habe SAP schon vor Jahren gesagt, sie sollen über eine Shop-Idee nachdenken, auch wenn das für eine Firma mit Geschäftskunden schwierig ist. Hier muss SAP besser werden.“

Erstaunlich, dass der Wiwo-Redakteur nach diesem Satz nicht aus allen Wolken fällt, sondern nachfragt, als wenn es das Natürlichste von der Welt wäre: "Wie viele Ladenlokale könnten Sie sich für SAP vorstellen?“

Jetzt wieder Sie, Herr Plattner: "Das kann ich nicht beurteilen – SAP hat einen Web-Store, der bisher nur eingeschränkt funktioniert. Man kann zum Beispiel bisher nur in den USA und Kanada mit Kreditkarte online bezahlen. Das reicht nicht. Physische Shops kann man sich vor allem in den großen Städten vorstellen.“

So weit die Passage aus dem Interview. Lieber Herr Plattner, dass Sie SAP mit der Lifestyle-Marke Apple und der dem britischen Luxuslabel Burberry in einem Satz nennen und alle drei Firmen sozusagen auf eine Stufe stellen, das hat was. Da fragt man sich schon..., ja was fragt man sich denn da? Vielleicht ob Sie wirklich wissen, wovon Sie da reden. Ich meine, Apple und Burberry stellen Produkte her, mit denen sich die Menschen gerne umgeben, die sie gerne herzeigen, zu denen sie durchaus auch eine emotionale Beziehung haben. Glauben Sie ernsthaft, dass dies bei den SAP-Produkten auch so ist? Ich persönlich kenne einige Personen, die haben eine Riesen-Freude daran, mit ihren Apple-Geräten zu arbeiten oder was sie auch immer damit tun, und andere, die voller Stolz ihre Burberry-Klamotten tragen. Ich kenne aber niemanden, der auf eine ähnliche Weise mit seinem neuen SAP-Produkt angibt.

Lieber Herr Plattner, SAP-Shops in den 1A-Lagen der Großstädte, ich versuche mir das vorzustellen. Zum Beispiel hier bei uns in München, der Weltstadt mit Herz. Da finden wir dann in Zukunft auf der Kaufinger Straße am Marienplatz zwischen H&M und Zara den SAP-Shop? Eine sehr amüsante Vorstellung. Wer soll denn da reingehen, und was soll er da kaufen? Und mal weitergedacht: Finden wir dann bald auch weitere Ladengeschäfte von Unternehmen mit reinem B2B-Geschäft wie zum Beispiel K+S und Linde-Group, um zwei weitere DAX-Unternehmen zu nennen? Das wäre schon ein weing irre, finden Sie nicht? Ich meine, klar, wenn man so reich ist, dass man nicht weiß, wohin mit der ganzen Kohle, dann kann man das schon machen. Aber bei wem ist das so? Bei SAP sicher nicht. Gerade mussten wir lesen, dass Firmenvorstand Bill McDermott einmal mehr die große Sparkeule schwingt und allein in der zweiten Hälfte dieses Jahres 200 Millionen Euro einsparen will.

Lieber Herr Plattner, es hat verständlicherweise ein paar Tage gedauert, bis die SAP-Chefetage auf Ihre Shop-Ideen reagiert hat. Vermutlich musste erst der Schock überwunden werden. Oder man war sich nicht sicher, ob Sie vielleicht nur einen Witz gemacht haben. Doch dann reagierte man doch noch. Bezeichnender Weise war es nicht Bill McDermott, sondern sein Kollege Jim Hagemann Snabe, der Ihnen widersprach. "Bezeichnender Weise“ deshalb, weil inzwischen bekannt geworden ist, dass Snabe spätestens im kommenden Jahr das Unternehmen verlassen wird und bis dahin als sogenannte "lahme Ente“ durchs SAP-Gebäude laufen wird. Jedenfalls kommentierte Snabe Ihre Shop-Anregung so: "Das wäre kein Verkaufskanal, sondern eher ein Showroom." Ein Shop mache schon allein deshalb keinen Sinn, weil SAP auch in Zukunft "nicht direkt an Konsumenten verkaufen" werde. Wie gesagt, kurz darauf kam die Ankündigung von Snabes Ausscheiden, was allerdings auch eine zufällige Koinzidenz sein kann, vielleicht aber auch nicht.

Lieber Herr Plattner, wie gesagt, ich habe lange darüber nachgedacht, welcher Teufel Sie wohl geritten haben mag. Dann endlich ist es mir klar geworden. Als Gründer und Aufsichtsratschef des Unternehmens haben sie natürlich eine Heidenangst davor, dass das Unternehmen zu satt wird, zu selbstzufrieden, zu arrogant, zu bequem, dass man sich auf den Lorbeeren ausruht. Vor diesem Hintergrund kann man Ihre Äußerung auch als Signal oder Aufforderung an die SAP-Manager und alle Mitarbeiter verstehen. Als einen Appell nämlich, das anscheinend völlig Abstruse, Fernliegende, Unmögliche zu denken, um die geistige Beweglichkeit zu erhalten. So wie man in einem Brainstorming auch zunächst einmal allen Blödsinn zuläßt und an die Pinnwand pappt, um anschließend darüber zu diskutieren und zu prüfen, ob sich nicht doch etwas Sinnvolles und Machbares dahinter verbirgt.

Zumindest hoffe ich, dass Sie diese Intention im Hinterkopf hatten, lieber Herr Plattner. Die Alternative dazu wäre nämlich weit weniger schmeichelhaft für Sie. Dann müsste man sich nämlich fragen, ob Sie sich vielleicht zu lange in der heißen Sonne aufgehalten haben.

Beste GrĂĽĂźe!

Damian Sicking

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