Probiotische Gebäude
Was wäre, wenn man Gebäude als Organismen betrachtet und ihre Bakterienflora ähnlich positiv steuert wie die des Verdauungstrakts durch Joghurts?
- Veronika Szentpetery-Kessler
Was wäre, wenn man Gebäude als Organismen betrachtet und ihre Bakterienflora ähnlich positiv steuert wie die des Verdauungstrakts durch Joghurts?
Wie mir Forscher immer wieder versichern, ist ihr Job oft alles andere als glamourös. Ein Paradebeispiel dafür ist die Arbeit von Jessica Greens Gruppe an der University of Oregon. Sie könnte den Leuten ja einfach nur erzählen, dass ihr Team die Verbreitung von gut- und bösartigen Bakterien in Gebäuden untersucht. Aber bei einem TED-Vortrag gestand sie neulich mit einem trockenen Grinsen auch, dass sie ihre Leute mit dem Staubsauger durch an die 300 Räume – inklusive Toilettenräume – ihres Forschungsgebäudes gejagt hat.
Als sich ein Kollege beschwerte, seine Arbeit hätte sich im Vergleich zur Feldforschung in Costa Rica doch deutlich, ähm, verändert, antwortete sie, das sei doch gar nicht so. Er solle das eher so sehen: Das Bakterien-Ökosystem von Toilettenräumen ähnele einem tropischen Regenwald und das von Büros dem weitläufiger Grassavannen. Es ist nicht überliefert, ob der Mitarbeite daraufhin enthusiastischer staubsaugte, um die in Fuseln und Staub enthaltenen Bakterien einzufangen. Aber erstens ist auch Feldarbeit oft wenig aufregend, und zweitens lieferte das dröge Staubsaugen durchaus wichtig Hinweise.
Denn Greens Gruppe fand heraus, dass sich die bakteriellen Lebensgemeinschaften verschiedener Räume unterschiedlich sind – aber anders als erwartet. Je nachdem wie das jeweilige Lüftungssystem gestaltet war oder ob sie per Fenstern belüftet wurden, gab es mehr oder weniger krankmachende Bakterien. Fensterlüftung sorgt für eine größere Diversität unter den Bakterien, so dass harmlose Arten die krankmachenden verdrängen können. Viele moderne Lüftungssysteme, die die Außenluft im Wesentlichen aussperren, produzieren weniger vielseitige Bakterien-WGs mit einem höheren Anteil an schädlichen Mikroben. Weitere Einflussgrößen seien zudem die Oberflächen von Möbeln und Geräten (leider erklärt sie in dem Video nicht, welche Unterschiede es da gibt). Ähnliche Ergebnisse erhielt ihre Gruppe in einem früheren Projekt in einem Krankenhaus.
Greens Schluss aus diesen Daten: Wir brauchen für eine neue Gebäudehygiene, die nicht (nur) auf Putz- und Desinfektionsmitteln beruht. Man müsse bereits bei der Gebäudeplanung darauf achten, wie man eine gesunde Bakterienmischung erhält. Das sei ein bisschen so, wie probiotische Joghurts zu essen, damit der Darm für gesundheitsfördernde Bakterien attraktiv wird und schädliche Mikroben verdrängt werden. Ein anderes Beispiel sei der heimische Garten: „Wenn Sie dort Unkraut finden, flammen Sie auch nicht gleich den kompletten Garten ab. Sie versuchen stattdessen, ihn angenehm für diejenigen Pflanzen zu machen, die Sie haben möchten.“
Wie das in Häusern – und im Speziellen in Krankenhäusern – konkret aussehen soll, ist noch nicht klar. Trotzdem leuchtet es mir ein, Gebäude wie große Organismen zu betrachten – und bei der Planung nicht nur an Physik (Statik) und Chemie (ungiftige Baumaterialien) zu denken, sondern auch an die Biologie. Es ist eine erfrischend überraschende Sicht darauf, was wir künftig anders machen sollten. Green muss nur aufpassen, den Probiotik-Vergleich nicht überzustrapazieren, ohne konkrete Lösungsvorschläge zu liefern. (vsz)