Arbeit unter Druck
3D-Druck soll die Industrieproduktion demokratisieren. Für die noch nicht wegrationalisierten Arbeiter in der Industrie könnte das ein Problem werden.
- Peter Glaser
3D-Druck soll die Industrieproduktion demokratisieren. Für die noch nicht wegrationalisierten Arbeiter in der Industrie könnte das ein Problem werden.
Während das Zeitalter des zweidimensionalen Drucks mit Artefakten wie der Gutenberg-Bibel begann, fängt die 3D-Druckrevolution banaler respektive pragmatischer an. Wem der Zugang zu einem 3D-Scanner fehlt oder wer keine Lust hat, mühsam räumliche Objekte am Computer zu konstruieren, der kann sich inzwischen auf Online-Marktplätzen wie Shapeways, Thingiverse, Materialise oder Sculpteo aus reichlich vorgefertigten Objektdaten bedienen und sich die dort auch ausdrucken und schicken lassen. Die Auswahl reicht von individualisierten iPod-Hüllen über Nippes, Ersatzteile und Kleinkunst bis hin zu etwas starren, aber spektakulären Kleidern aus filigranem Plastik.
Mitte Februar hob US-Präsident Obama in seiner jährlichen Ansprache zur Lage der Nation die zunehmenden Bemühungen amerikanischer Unternehmen hervor, nach einem Jahrzehnt schwindender Jobs die Produktion aus Niedriglohnländern wieder zurück nach Amerika zu bringen – und dass 3D-Druck dabei eine maßgebliche Rolle spielen könne. Das Verfahren habe "das Potenzial, die gesamte Art und Weise, wie Dinge hergestellt werden, zu revolutionieren". Chris Anderson, von Berufs wegen Technikoptimist und vormals Chefredakteur des Magazins "Wired", sieht bereits eine Zeit nahen, in der jeder Haushalt, so wie heute mit einer Mikrowelle, mit einem "Fabber" ausgestattet ist – einem 3D-Fabricator, der die Warenproduktion statt nach China nach Hause bringt.
Anderson sieht die "Fabrik zu Hause" als eine Demokratisierung der Industrieproduktion. In seinem Buch "Makers – Das Internet der Dinge" skizziert er eine Welt, in der Waren unabhängig von Konzernen erzeugt werden – ähnlich wie man heute in Blogs und sozialen Netzen ohne die Hilfe von Verlagen publizieren kann (und sich dabei aber in die Abhängigkeit neuer Player wie Google oder Facebook begibt).
Die Verheißung lautet: Die Masse erobert sich die Produktionsmittel zurück, Designer können ihre Produkte selbst vermarkten und Kleinserien sollen zu einer Blüte von Nischenmärkten führen. Da keine Pakete mit Waren mehr verschickt werden müssen, sondern nur noch die digitalen 3D-Daten, würden die Mikro-Fabriken auch das Post- und Transportwesen umkrempeln. Und: die Billigproduktion fände dann nicht mehr in Bangladesch statt, sondern in den eigenen vier Wänden – jeder 3D-Drucker würde also mit den verbliebenen Arbeitern in der herkömmlichen Produktion konkurrieren und massiv Druck auf Löhne und Preise ausüben.
Ob 3D-Drucker für den Hausgebrauch sich zu ernsthaften Produktionsalternativen entwickeln werden, steht in den Sternen. Derzeit können die billigen Geräte nur kleine, unpräzise Objekte aus Kunststoff herstellen, und das schneckenlangsam. Zudem ist der ganze Produktionsprozess komplex. "Einfach ein kaputtes mechanisches Teil in der Waschmaschine ersetzen" ist alles andere als einfach, vom Erfassen der Objektdaten – und der virtuellen Reparatur, falls das Objekt beschädigt ist –, bis hin zur Auswahl des richtigen Materials, das im Betrieb einwirkenden Kräften oder Temperaturen standhalten muss.
Nicht alle sind von den Verheißungen des Dingdrucks euphorisiert. Der Wissenschaftsjournalist Christopher Mims findet die Erwartung, durch 3D-Drucker stehe eine neue Konsumrevolution bevor, "nicht nur albern, sondern absurd". Die populären Hobbyverfahren – fräsen, drucken und sintern – könne man nicht mit Fabrikproduktion gleichsetzen. "Geschmolzene Kunststoffteile sind bestenfalls für billiges Plastikspielzeug geeignet, sie werden aber keinesfalls das Ende der herkömmlichen Produktion einläuten", meint Mims. "Privater 3D-Druck ist ein Hype wie Virtual Reality in den 90er Jahren. Und er wird auch sein Schicksal mit dieser teilen."
Die Berliner Physikerin Marlene Vogel, Mitgründerin des 3D-Marktplatzes trinckle kann sich dagegen gut vorstellen, dass 3D-Drucker schon bald nicht mehr nur dumme Dinge hervorbringen, sondern auch einfache, funktionsdurchflossene Geräte. Es gibt bereits eine leitfähige Silbertinte, die in ein gedrucktes Objekt mit eingebracht werden kann und mit der sich auch gedruckte Schaltkreise produzieren lassen. Zwar ist das selbstgefertigte Smartphone noch in weiter Ferne, aber Dinge wie ein Wecker wären damit schon machbar. (bsc)