Kurz nach der Sintflut

138,5 Liter Wasser pro Quadratmeter in einer Stunde: Japan hat einen neuen Regenrekord verzeichnet. Ein Forschungsinstitut hat deshalb nun superschnelle Flutwarnungen entwickelt.

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Von
  • Martin Kölling

138,5 Liter Wasser pro Quadratmeter in einer Stunde: Japan hat einen neuen Regenrekord verzeichnet. Ein Forschungsinstitut hat deshalb nun superschnelle Flutwarnungen entwickelt.

Es liest sich wie ein Rekord: Das japanische National Research Institute for Earth Science and Disaster Prevention (NIED) hat eine Technik entwickelt, die bereits eine Stunde nach einem Platzregen vorhersagen kann, wo Überschwemmungen drohen. Die Eile hat gute Gründe – nicht nur die schieren Wassermassen, die auf Nippon niederprasseln, sondern auch die Topographie.

Regenmengen, die in Deutschland Feuerwehr, das THW oder gar das Militär mobilisieren, locken in Japan keinen Karpfen aus dem Teich. Was sind schon 200 bis 300 Liter Wasser pro Quadratmeter in drei, vier Tagen, die in Europa das letzte Hochwasser ausgelöst haben? In Japan haben wir das, wenn es einmal richtig regnet, an einem Tag – oder wie an diesem Wochenende gar in einer Stunde. Da prasselten doch in einer Ortschaft in nur einer Stunde sagenhafte 138,5 Liter pro Quadratmeter nieder. Dennoch geht dabei im Gegensatz zu Europa nicht gleich das halbe Kaiserreich tagelang unter, sondern nur kleine Teile des Landes für kurze Zeit. Denn das Hochwasser zieht wie eine Flutwelle schnell und hoch von Berg zu Tal.

Der Grund dafür liegt in der Landestopographie. Japan besteht aus mehreren sehr bergigen Inseln, die mehrere pazifische Erdplatten beim Zusammenstoß mit der eurasischen Landmasse aus dem Ozean drückten. Die Berge sind dementsprechend steil, die Täler V-förmig, das Meer überall nah. Und die Flüsse sind daher sehr kurz und fallen so steil von den Bergen ins Meer, dass dem holländischen Ingenieur Johannis de Rijke im 19. Jahrhundert beim Besuch des Joganji in der Präfektur Toyama schwer beeindruckt dieses Bonmot entfuhr: "Dies ist kein Fluss, das ist ein Wasserfall."

Ok, der Joganji ist schon sehr extrem. Er stürzt auf nur 56 Kilometer Länge von 2661 Metern auf null. Aber auch Japans längster Fluss, der Shinano, fällt auf der für Flüsse kurzen Sprintstrecke von gerade einmal 367 Kilometern von 2475 Metern bis auf Meeresspiegelniveau. Und dementsprechend klein ist sein Einzugsgebiet – es beträgt gerade einmal 11900 Quadratkilometer. Die Weser, die meine Heimatstadt Bremen durchfließt, ist inklusive der Werra etwas mehr als doppelt so lang und zieht Wasser aus 41094 Quadratkilometern ab.

Regnet es also am Berg, bleibt den Anwohnern hinter den Deichen und jenen Obdachlosen, die in den Städten ihre blauen Behausungen gerne mit Flussblick vor die Deiche bauen, kaum Zeit, sich auf die Blitzflut vorzubereiten. Immer wieder müssen solche Personen mit Hubschraubern aus den Strömen gerettet werden. Und wie der neue Regenrekord zeigt, führt die Klimaerwärmung auch in Japan zu mehr extremen Niederschlägen und damit zu einem größeren Bedarf an sofortiger Hochwasserwarnung. Das NIED will sie liefern. (bsc)