Kampf der Depression

Hirnscans, Blutuntersuchungen und andere neue diagnostische Methoden sollen Ärzten künftig helfen, ohne große Experimente geeignete Behandlungsformen für Menschen mit depressiven Störungen zu finden.

vorlesen Druckansicht 30 Kommentare lesen
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Susan Young

Hirnscans, Blutuntersuchungen und andere neue diagnostische Methoden sollen Ärzten künftig helfen, ohne große Experimente geeignete Behandlungsformen für Menschen mit depressiven Störungen zu finden.

Sobald bei einem Patienten eine Depression zweifelsfrei diagnostiziert wurde, beginnt das große Rätselraten: Nicht selten begeben sich Betroffener und Therapeut dann auf eine längere Reise, um die verschiedenen Behandlungsformen durchzuprobieren. Manchmal schlagen Medikationen an, manchmal reicht eine Gesprächstherapie. In Zukunft sollen Hirnscans, Bluttests und andere "harte" diagnostische Verfahren helfen, die beste Therapie zu finden. Den Patienten bleibt so eine oft quälende Zeit erspart.

Die Forscherin Helen Mayberg von der Emory University konnte zeigen, dass bereits ein einfacher PET-Scan Hinweise darauf gibt, ob ein Patient besser medikamentös oder mittels kognitiver Verhaltenstherapie behandelt werden sollte. Im Mai beschrieb David Mischoulon vom Massachusetts General Hospital eine Methode, mit der die Menge eines bestimmten Proteins im Blut von Patienten als Indikator für eine Medikationsumstellung dienen kann.

Ein zentrales Ziel solcher Studien ist es, die verschiedenen Auslöser von Depressionen zu unterscheiden. "Die Präsenz bestimmter Biomarker kann einen Hinweis darauf geben, ob die Depression wirklich biologische Gründe hat oder es einen ereignisgetriebenen Auslöser gibt", sagt Mischoulon. Das heißt: Ist einmal klar, dass es physiologische Probleme gibt, muss nicht erst (oder nur kurz) zur Gesprächstherapie gegriffen werden.

Laut Weltgesundheitsorganisation sind Depressionen weltweit der größte Auslöser einer Berufsunfähigkeit. Viele Menschen versuchen erst gar nicht, sich behandeln zu lassen – oder es fehlen ihnen die Mittel dafür. Denjenigen, die behandelt werden, wird in weniger als 40 Prozent aller Fälle mit der ersten Behandlungsart geholfen. Das Problem ist nicht, dass Ansätze wie Antidepressiva oder Verhaltenstherapie nicht funktionieren, sagen Psychologen. Stattdessen schlägt die jeweils gewählte Behandlungsform schlicht nicht bei jedem Patienten an. Forscher aus vielen Disziplinen, von den Neurowissenschaften bis zur Genforschung, untersuchen diese komplexe Krankheit, die, so viel weiß man schon, eigentlich diverse Suberkrankungen repräsentiert. Großangelegte klinische Studien, die versuchen, aus Hirnstruktur oder Biomarkern die Wahrscheinlichkeit für einen Therapieerfolg herauszulesen, machen Hoffnung. Auch dürften sie ein klareres Bild über die tatsächliche Herkunft depressiver Störungen liefern.

"Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Untersuchungen zu Biomarkern, die als Vorhersageindikator dienen", sagt Mayberg, die selbst an Schrittmacher-Implantaten forscht, die schwere Depressionen bekämpfen können. Ihre PET-Studie, die versucht, biologische Faktoren direkt im Gehirn zu identifizieren, sei vielversprechend. "Das wird vor allem in den nächsten ein bis zwei Jahren interessant, wenn es handfeste Ergebnisse gibt."

Eine wichtige Frage ist dabei, ob Forscher Biomarker finden können, die ersten eindeutig genug sind und sich zweitens einfach genug abprüfen lassen. Hirnscans könnten hier der beste Ausgangspunkt sein, mein Mayberg, weil sie sich auf den Auslösebereich einer Depression konzentrieren. Sind diese Auslöser einmal gefunden, lässt sich nach im Blut befindlichen Stoffen suchen, die damit in Verbindung stehen.

Madhukar Trivedi, Forscher an der University of Texas Southwestern, arbeitet an einer großen Studie, die herausfinden soll, auf welche Antidepressiva-Wirkstoffe Patienten am besten reagieren. Dabei zeigte sich erneut die Komplexität depressiver Störungen. "Es gibt jede Menge Subtypen." Entsprechend werde jeder Biomarker, sei er nun im Erbgut, proteinbasiert im Blut oder über bildgebende Verfahren und Hirnstrommessungen feststellbar, jeweils nur einen kleinen Prozentsatz der Patientenpopulation abdecken.

Sollten die Forscher bei der Jagd nach Biomarkern Erfolg haben, könnten sich Behandlung und Diagnose von Depressionen stark verändern. Ärzte nutzen in den USA und anderswo das sogenannte DSM ("Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders"), ein Klassifikationssystem für psychische Störungen der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung. Es basiert auf der Identifizierung verschiedener Symptome, die der Arzt feststellt, sich aber auch vom Patienten beschreiben lassen. Mittlerweile gibt es viel Kritik an der für einige Beobachter zu simplistischen Vorgehensweise. So spricht sich der Chef des amerikanischen National Institute of Mental Health (NIMH), Thomas Insel, für die Nutzung von deutlich mehr Kategorien aus, als sie das DSM anbietet. "Betroffene Menschen haben mehr verdient."

Bruce Cuthbert leitet eines der aktuellen NIMH-Projekte, die das DSM verbessern sollen. Dabei werden auch physiologische Faktoren wie Veränderungen der Hirnstruktur erfasst. Ziel ist die Erstellung einer Art Landkarte psychischer Krankheiten, die nicht nur kognitive Aspekte erfasst und sich nicht mehr nur auf klinische Diagnosen verlässt. So sollen Informationen gesammelt werden, die das DSM verbessern und stark auf Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften basieren. "In Zukunft werden wir psychische Krankheiten vielleicht anders definieren", sagt Cuthbert. Äußerliche Symptome können zudem für verschiedene Diagnosen sprechen. So gilt etwa die Unfähigkeit, Freude zu empfinden, als Grundsymptom depressiver Störungen, kommt aber auch bei Schizophrenie vor. Das NIMH-Projekt könnte auch beim Auffinden neuer Biomarker helfen, die das DSM ergänzen. (bsc)