Bilderflut in neuen Formen
Fotografierende Objektive, fotografische Gedächtnisse oder Klopfen statt Klicken: Neue Ideen zeigen, dass Kameras nicht rechteckig und Auslöser nicht rund sein müssen.
- Martin Kölling
Fotografierende Objektive, fotografische Gedächtnisse oder Klopfen statt Klicken: Neue Ideen zeigen, dass Kameras nicht rechteckig und Auslöser nicht rund sein müssen.
Die Kameraforen im Internet bewegt ein Gerücht: Sony, so heißt es, will zwei Objektive auf den Markt bringen, die selbst Fotos machen können. Sie sollen sich via Magnet an Smartphones andocken und schnurlos mit ihnen verbinden können, so dass das Smartphone zum Sucher, Auslöser und zur Verbindung ins Internet wird. Die Idee, Objektive mit verschiedenen Sensoren zu koppeln und modular in ein Kameragehäuse zu klicken, ist nicht ganz neu. Ricoh hat sie schon früher verwendet. Nur den Anschluss eines hochwertigen Objektivs an ein Mobiltelefon hat noch niemand versucht.
Für Fotografen wie mich ist die Idee verlockend: Das Handy habe ich ohnehin immer dabei. Und vor allem das kleinere der zwei Objektive (das den Gerüchten zufolge ein Zeiss sein und den relativ großen Sensor von Sonys RX100 nutzen soll) würde mir die Bildqualität und fotografischen Möglichkeiten gewähren, die ich erwarte. Die heutigen Handykameras lassen wenigstens für mich sowohl bei Fotos wie Funktionen noch viel zu wünschen übrig. Andere Hersteller wie Samsung versuchen das Dilemma zu lösen, in dem sie im Prinzip eine Kamera mit einem Handy-Gehäuse fest kombinieren. Aber dann müsste ich noch immer zwei relativ große Geräte mit mir herumtragen. Entsprechend hoffe ich, dass das Gerücht zutrifft, auch wenn die Kombination nicht gerade billig werden dürfte. Und natürlich muss die Qualität des Fotoerlebnisses stimmen. Ich befürchte allerdings, dass die schnurlose Verbindung zwischen Objektiv und Handy zu Verzögerungen bei der Darstellung des Bildes und dem Auslösen führt. Doch lassen wir uns mal überraschen...
Doch das ist nur eine neue Idee. Olympus bietet schon länger eine Klopfkontrolle an, mit der durch Tippen auf die Kamera eine allerdings sehr begrenzte Zahl an Funktionen kontrolliert werden kann. So kann man auch mit klobigen Handschuhen die Kamera steuern. Einen Schritt weiter war vor Jahren schon Casio – wenigstens konzeptionell. Für eine ihrer Fun-Knipsen hatten sich die Ingenieure einen berührungs- und druckempfindlichen Rahmen ausgedacht. So könnte man durch Fingerstreichen Zoomen oder die Blende verstellen oder durch Zusammendrücken des Rahmens auslösen. Diese Idee harrt noch auf ihre Verwirklichung.
Und dann ist da noch die wachsende Zahl an Helm- und Actionkameras, mit denen man selbst die nicht erinnerungswürdigen Momente von Ski- oder Mountainbike-Ausflügen für alle Ewigkeit archivieren kann. Einen weiteren Schritt zum "fotografischen Gedächtnis" gehen kleine Kameras wie die OMG Life Autographer, die umgehängt oder angesteckt an Hemd oder Jacke in Intervallen aufs geradewohl Fotos vom unserem Alltag machen.
Dieser spezifische Hersteller hatte ein ähnliches System zuerst für vergessliche Alzheimer-Patienten entwickelt, um ihnen ein bisschen Erinnerungsvermögen an die Hand zu geben. Und anscheinend haben sie schnell erkannt, dass diese Kamera auch der neuen Internet-Generation ein technisches Hilfsmittel liefert, ein Symptom des neuen digitalen Lebens zu beherrschen: den grassierenden Gedächtnis- und Konzentrationsschwund. Denn die konstante Störung unserer Konzentration durch neue Reize behindert den Prozess, der Erinnerungen aufbaut wie Nicolas Carr meines Erachtens sehr zutreffen in seinem Buch "The Shallows" beschrieben hat. Und dann sind da noch die Google-Brillen oder die immer kleineren Spionagekameras, die ich in Tokios Technikstadtteil Akihabara kaufen kann. Ich denke, dass wir uns in nicht allzu ferner Zukunft noch sehr umgewöhnen müssen, wie Kameras aussehen und wie wir sie verwenden. (bsc)