Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Aus der Entfernung scherzt es sich leicht ĂĽber die NSA. Doch auch Humor ist wichtig, um der Geheimdienstwelt den Spiegel vorzuhalten.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Aus der Entfernung scherzt es sich leicht ĂĽber die NSA. Doch auch Humor ist wichtig, um der Geheimdienstwelt den Spiegel vorzuhalten.
Letzten Sonntag hab ich mich erweichen lassen, bei einer Telefonumfrage von TNS Emnid mitzumachen. Ich dachte, es geht um die kommende Bundestagswahl. Ging es auch, aber das war nur der Auftakt. Die freundliche Dame wollte von mir nicht nur wissen, wem ich meine Stimme geben würde, wenn am kommenden Sonntag schon Wahl wäre. Sie hatte auch noch einen bunten Strauß anderer Themen im Angebot. Nahtlos nach der Politik folgte zum Beispiel die Frage, ob mein Bürostuhl bequem sei.
Ich hätte sie gerne gefragt, was das erstens mit meiner Wahlpräferenz zu tun hat und zweitens, wer sich für derlei Informationen interessiert. Möglicherweise ein großer Büromöbelhersteller. Aber ich wollte die Dame nicht aus dem Konzept bringen, wo sie die Fragen schon so schnell es ging herunterratterte, um den versprochenen Zeitaufwand nicht zu überschreiten. Vermutlich steckte da doch eine Gesundheitsumfrage drin, denn als nächstes wollte sie von mir wissen, wie viele Stunden ich am Tag so sitze. Von hier folgte der Schlenker zurück zum aktuellen Aufreger-Thema Mainzer Bahnhof. Wer denn Schuld sei an der ganzen Misere: die Bahn-Führung, die Politik oder die Stellwerk-Mitarbeiter? Darauf folgten noch mindestens drei weitere Themen, darunter etwas mit Lebensversicherungen.
Es ist naheliegend anzunehmen, dass das Meinungsforschungsinstitut einfach mehrere Aufträge in einem abgefrühstückt hat. Doch das Gehirn schlägt angesichts der unglaublichen Ereignisse der letzten Wochen, in denen Edward Snowden die Datensammelwut der NSA publik machte, schnell mal ein paar flapsige Purzelbäume. Welche Erkenntnisse kämen wohl dabei heraus, wenn man die Themenblöcke nicht getrennt sondern zusammen auswertet: Bevorzugen beispielsweise konservative Wähler andere Härtegrade bei Sitzmöbeln als linke? Andere haben es weit besser hingekriegt, ein humorvolles Ventil für dieses ernste Thema zu finden – zum Beispiel meine Kollegen Wolfgang Stieler und Jens Lubbadeh sowie der Karikaturist Olaf Schwarzbach mit seiner Zeichnung "NSA Back-up". Bitte mehr davon. Es braucht auch Humor, um der Welt den Spiegel vorzuhalten.
Während ich diesen Blog schrieb, wurden gestern zwei sehr ernste Nachrichten in Bezug auf Edward Snowden publik: Zum einen die neun Stunden währende Befragung und Bedrohung von David Miranda, Lebensgefährte des Guardian-Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald, durch die britischen Behörden. Zum anderen zwang die Londoner Regierung den Guardian dazu, Festplatten mit Material von Snowden unter Aufsicht zu zerstören. Miranda kann mit gutem Grund nicht über sein Erlebnis lachen, und auch der politische Guardian-Cartoon dazu ist eher schaurig. (Das Verb "nicked" darin lässt sich etwa mit "verhaftet" übersetzen.) Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger seinerseits kommentierte "die leicht sinnlose Aktion" in seinem Hause mit der süffisanten Bemerkung, dass die Tageszeitung Sicherungskopien besitze, die sich nicht in Großbritannien befinden. (vsz)