Wahlkampf für die Internet-Verwaltung gestartet
Hintergrund: Noch in diesem Jahr sollen Internet-Nutzer weltweit über die Besetzung des Direktoriums der Internet-Verwaltung ICANN mitentscheiden.
Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), zuständig für alle Fragen der Nummern- und Namensvergabe im Netz, ist auf Wählerfang. Noch in diesem Jahr sollen Internet-Nutzer weltweit über die Besetzung von neun der neunzehn Direktorenposten der Organisation zur Verwaltung des Internet mitentscheiden. So will es die Satzung der ICANN, die auf Betreiben der Clinton Regierung vor knapp zwei Jahren eingerichtet wurde.
"Wir sind immer noch zu amerikanisch", sagte ICANN-Vorsitzende Esther Dyson bei einem Treffen in Brüssel Anfang des Monats. Mit der "Globalwahl" soll sich das ändern. Ausserdem erhofft sich die Organisation durch den Wahlprozess mehr Legitimation für ihre Entscheidungen zu allen Fragen der Domain-Politik. Bislang wird der ICANN-Prozess stark von Lobbyisten der IT-Branche beeinflusst. Das soll sich durch die in den allgemeinen freien Netzwahlen gewählten Direktorinnen und Direktoren ändern. Letzte Details für den Wahlmodus der ersten "Globalwahl" werden in der kommenden Woche beim ICANN-Treffen in Kairo festgelegt.
Seit dem Start der Mitglieder-Web-Seite haben sich bereits über 3.500 Nutzer registriert, so einer der ICANN-Direktoren. Die Voraussetzungen für die Mitgliedschaft hat die ICANN bewusst bescheiden formuliert: eine E-Mail-Adresse und eine gültige Postadresse müssen Antragsteller liefern. Außerdem müssen sie bereit sein, ihre Adresse und Identität überprüfen zu lassen, um eventuellem Wahlbetrug vorzubeugen. Die Mitgliedschaft wird erst durch ein elektronisch zugestelltes Passwort und eine auf dem Postweg versandte PIN-Nummer gültig. Bei Wahlfälschung oder etwaigen Verstößen gegen die Forums-Netiquette droht der Ausschluss. Wählen dürfen, ganz im Sinne des Mediums, bereits 16-Jährige.
So schön die Idee einer weltweiten Wahl ist, noch ist nicht abzusehen, ob eine repräsentative User-Zahl den Weg zur virtuellen Urne machen wird. Denn abgesehen von der Wahl der so genannten At-large-Direktoren, die zudem höchst wahrscheinliche eine indirekte Wahl sein wird, bringt die Mitgliedschaft keine besonderen Einflussmöglichkeiten auf die ICANN-Politik. "Werden Sie Mitglied und helfen Sie uns dabei, für ein stabiles und sich entwickelndes Internet zu sorgen, das jederman dient", heißt es ermunternd auf der ICANN-Web-Site. Über weitere Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Individualmitglieder werde nachgedacht. Immerhin werden vorerst noch keine Mitgliedsbeiträge fällig, denn die US-amerikanische Markle-Foundation unterstützt das Wahlprojekt mit 2 Millionen US-Dollar.
Deshalb ist die ICANN-Führung auch optimistisch, dass man das selbstgesteckte Ziel erreicht, 5.000 Wähler weltweit zu begeistern. Allgemein geht man allerdings davon aus, dass Afrika, Lateinamerika und Asien unterrepräsentiert sein werden. So kommt die Mehrzahl der in den ersten Tagen der Kampagne registrierten User denn auch aus Nordamerika (2.500) und Europa (700), aber nur 300 aus der Region Asien-Pazifik, 70 aus Lateinamerika und 40 aus Afrika.
In Deutschland haben inzwischen der ICANN-Studienkreis unter Leitung des Völkerrechtlers Wolfgang Kleinwächter und die Bertelsmann-Stiftung die Unterstützung des deutschen und europäischen "Wahlkampfs" angekündigt. Der ICANN-Studienkreis veranstaltet Ende März eine Tagung, bei der es auch darum geht, mögliche Kandidaten für das At-large-Direktorium zu finden. ( Monika Ermert) (jk)