Mit anderen Augen
Was wäre, wenn wir alle mit Datenbrillen herumliefen? Eine Vision.
- Peter Glaser
Was wäre, wenn wir alle mit Datenbrillen herumliefen? Eine Vision.
In unserer Kolumne "Der Futurist" malen Autoren sich aus, wie der Alltag künftig aussehen könnte.
Anfangs, als Google sein "Project Glass" zur Marktreife gebracht hatte, waren die Brillen mit der einblendbaren Bildschirmfunktion schlichtweg praktisch. Man konnte sich nützliche kleine Realitätsebenen vor Augen führen. Richtungshinweise sehen, ohne erst Riesen-Origamis aus Papierstadtplänen ausfalten zu müssen. Die Außentemperatur gleich beim Blick aus dem Fenster erfahren. Derlei.
Man gewöhnte sich schnell an die seltsam gestikulierenden Leute, die in einer Realität agieren, welche nur Menschen sehen können, die auch solche Glasses tragen. Man hatte sich früher ja auch an die vermeintlich verrückten Menschen gewöhnt, die auf der Straße laut Selbstgespräche führten. Inzwischen geht kaum jemand noch ohne Datenbrille.
Sie ist so sehr Normalität geworden, dass die verbliebene Minderheit sich mit sperrigen Negativbezeichnungen abgrenzen muss ("Tut mir leid, Nichtbrillenträger") – ein genialer Schachzug des Glasses-Produzenten und -Betreibers Google. Der Tabakindustrie war es im 20. Jahrhundert erstmals gelungen, mit dem "Raucher" eine scheinbar eigenständige Identität zu schaffen und jeden, der einfach Luftatmer war, dazu zu zwingen, sich als "Nicht-Raucher" in eine unangenehm negative Position zu begeben. Nun also "Brillenträger".
Da man den Blick durch die Glasses per WLAN auch mit anderen teilen kann, bildete sich rasch ein Biotop an Mietblick-Modellen, beginnend bei passiver Tourbegleitung. Dazu sucht man sich auf einer Online-Karte eine der zahllosen Personen aus, die ihre Glasses zum Mietgucken freigeschaltet haben, und bucht den gewünschten Zeitraum. Nun kann man sich durch die entsprechende Weltgegend bewegen und sie mit fremden Augen sehen. Verschiedene Bewertungsverfahren und Reality-Ratingagenturen sollen sicherstellen, dass keine Filmkonserve, sondern Realtime-Realität zu sehen ist.
Dieses simple Mitsehen lässt sich in den verschiedensten Formen upgraden. Dienste wie "HuckeBlick" bieten Premium-Versionen an, die wie eine Art privater Tourguide funktionieren: Der Mitseher kann Fragen oder Anweisungen an seinen Glasses-Träger richten. Anspruchsvolle oder misstrauische Augenreisende mieten gern zwei Blick-Sherpas am selben Ort, um kontrollieren zu können, ob das Angebot echt ist – und auch, um eine Art Erlebnis-Stereophonie genießen zu können.
Diese Art der Welterkundung, das sogenannte Sesselreisen von sicheren, bequemen Orten aus, erfreut sich größter Beliebtheit. Es hat das Reisen als auch die herkömmliche Mediennutzung grundlegend verändert – Fern-Sehen hat inzwischen eine völlig andere Bedeutung als noch vor wenigen Jahren. Heute sieht sich kaum noch jemand Actionfilme an, stattdessen holt man sich Tipps, wann und wo die nächste Razzia in einer mexikanischen Drogenhochburg stattfindet, und mietet sich dann in die Glasses eines Einsatzbeamten, eines Gangmitglieds oder von beiden ein.
Die Spieleindustrie bietet seit Längerem Ego Walker an. Bei ihnen bewegt man sich durch seine reale Umgebung, die aber massiv durch in Echtzeit berechnete, eingeblendete Zusatzelemente – Architekturen, Menschen und Maschinen – überlagert ist. Begonnen hatte die Entwicklung mit den ersten Real-Werbeblockern, die Glasses-Träger als App laufen lassen konnten. Sie blendeten Reklameschilder auf der Straße aus oder ersetzten sie mit Bildern eigener Wahl. Natürlich versuchen auch Finsterlinge, von der Technologie zu profitieren. Ahnungslose werden mit Navigations-Trojanern in Seitengassen gelotst und ausgeraubt. ()