Old but smart

Pebble, Galaxy Gear und Co. – Smartwatches sind der letzte Schrei. Dabei können sie doch kaum was. Dann lieber das Original.

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Von
  • Jens Lubbadeh

Pebble, Galaxy Gear und Co. – Smartwatches sind der letzte Schrei. Dabei können sie doch kaum was. Dann lieber das Original.

Am Mittwoch dieser Woche wird ein weiterer Stern in der mittlerweile schon ziemlich bevölkerten Samsung-Galaxie geboren werden: Die Galaxy Gear, Samsungs heiß ersehnte Smartwatch, die Apples iWatch zuvorkommen und den Kickstarter-Hit Pebble zermalmen soll.

Den momentanen Run aufs Handgelenk betrachte ich mit zunehmender Belustigung. Was ist eigentlich so faszinierend an der Smartwatch? Navigiert sie einen bequem durch die Stadt, ohne dass man ständig einen Klotz aus der Hosentasche ziehen müsste? Nein. Kann man mit ihr James-Bond-mäßig telefonieren? Nein. Oder wenigstens Fotos machen? Nein. Sie ist lediglich ein abgespeckter Außenposten des Klotzes in der Hosentasche und nervt einen mit SMS-, Twitter- und Email-Benachrichtigungen nun auch noch am Handgelenk. Und der Klotz, den man trotzdem noch immer in der Hosentasche mit sich rumschleppen muss, ist jetzt auch noch doppelt so schnell leer, weil der smarte Außenposten am Handgelenk ihn per Bluetooth leersaugt. Heißt: Am Ende des Tages darf man nicht mehr nur ein Gerät ans Akkukabel hängen, sondern zwei. Nervt euch das nicht, liebe Smartwatch-Nutzer?


Der derzeitige Smartwatch-Trend weckt aber auch nostalgische Gefühle in mir. Der Wunsch nach ausgefeilter Technik am Handgelenk, das zeigt das Beispiel James Bond, ist alt. Schon in den ersten Bond-Filmen rüstete Q die Uhren mit allerlei Sperenzchen aus. War's anfangs noch ein ausziehbarer Klavierdraht zum schnellen und einfachen Strangulieren, verfügte 007 in der Episode „Feuerball“ von 1965 schon über einen Geigerzähler in seiner Uhr. Auch dies wäre eine spannende Applikation für eine Smartwatch.

In den 70ern kamen dann hinzu: Nachrichtenempfänger (gedruckt!), ein Magnet, der Pistolenkugeln ablenken konnte, eine Kreissäge, Sprengstoff.

In den 80ern: Pfeile, Nachrichtenempfänger (digitial), Telefon, Fernseher.

In den 90ern ebbte die Faszination dann langsam wieder ab. Die Uhr von 007 hatten nur noch Laser und Sprengsätze. Und als Daniel Craig übernahm, war sie nur noch eine ganz gewöhnliche Uhr. Ich bin gespannt, ob der Smartwatch-Trend sich bei den nächsten Bonds niederschlagen wird.

Und ich bin gespannt, wie die Alten der Branche reagieren werden. Casio sieht den Hype um die Smartwatches gelassen. „Plötzlich entdecken sie alle das Handgelenk“, sagt der 84-jährige Casio-Chef Kazuo Kashio. Sollen sie nur kommen, die Apples und Samsungs – „wir sind vorbereitet“, meint er. Schließlich habe man auch die Taschenrechner-Kriege der 60er- und 70er-Jahre gewonnen. Andererseits: Wer hätte 2007 gedacht, dass ein Computerkonzern aus dem Nichts den Mobiltelefonmarktführer Nokia überrollen würde?

Casio, hach Casio. Erinnerungen werden wach an Mini-Taschenrechner und Space-Invader-Spiele an Handgelenken, an nervige Pieptöne zur vollen Stunde - der unter Lehren gefürchtete Stundenalarm, den wir Jungs mit unseren Casio-Digitaluhren natürlich alle aktiviert hatten. Eine ziemlich nutzlose Funktion, aber weil sie nun mal da war, nutzte man sie auch. Casio und Seiko waren es, die die ersten Smartwatches gebaut haben. Und als wäre die Zeit stillgestanden, gibt es die Casio-Digital-Quarzuhr noch immer, unverändert im Design, nun unter dem Namen „Casio Collection“. Ein schwarzes Stück Plastik, das zum Kult geworden ist. Das muss die Postmoderne sein. Kauft euch alle nur ruhig eure Pebbles und Galaxy Gears. Um mein Handgelenk wird bald wieder eine Casio geschnallt sein – und zu jeder vollen Stunde einen Tweet absetzen. (jlu)