RTL führt Pay-TV und H.264 beim digitalen Antennenfernsehen ein [Update]
Die Mediengruppe RTL Deutschland hat bekannt gegeben, in der Region Stuttgart über DVB-T gleich sechs TV-Sender ausstrahlen zu wollen -- allerdings in einem bislang in Deutschland nicht verwendeten Standard und teilweise verschlüsselt.
Wenn es um das digitale Antennenfernsehen (DVB-T) geht, gehört das Bundesland Baden-Württemberg bislang zu den Flecken Deutschlands, in denen sich das Angebot auf die öffentlich-rechtlichen Sender beschränkt. In der Region Stuttgart soll sich dies nun ändern: So gab die Mediengruppe RTL Deutschland jetzt bekannt, im Laufe des Jahres mit der digitaler terrestrischen Ausstrahlung gleich sechs seiner TV-Sender beginnen zu wollen. Mit Passion und RTL Crime sind erstmals zwei (Connax-verschlüsselte) Pay-TV-Sender Teil eines deutschen DVB-T-Bouquets. Diese lassen sich natürlich nicht mit dem üblichen DVB-T-Empfänger wiedergeben, da es diesem am nötigen Smartcard-Leser für die Abokarte mangelt.
Die ebenfalls in Stuttgart und Umgebung neu eingespeisten DVB-T-Sender RTL, Super RTL, RTL II oder VOX werden zwar frei empfangbar sein, einen neuen Empfänger müssen sich die Zuschauer aber dennoch anschaffen, wenn sie diese anschauen möchen. Die RTL-Gruppe will seine DVB-T-Sender in der Region nämlich nicht im üblichen Verfahren MEPG-2 komprimieren, sondern bei allen Kanälen (Free- und Pay-TV) den effizienteren Codec MPEG-4 AVC (H.264) verwenden. RTL spricht von einer Erhöhung der Programmanzahl in einem DVB-T-Kanal um 50 Prozent gegenüber MPEG-2. H.264 kommt in Deutschland bislang nur bei den (über Satellit oder Kabel empfangbaren) HDTV-Sendern und bei IPTV-Angeboten zum Einsatz. Nach Angaben der RTL-Gruppe sollen passende H.264-Receiver mit Conax-Verschlüsselungssystem und Smartcard ab Jahresmitte angeboten werden. Ein solches Gerät, das um die 100 Euro kosten dürfte, wird auch in der Lage sein, die MPEG-2-kodierten DVB-T-Sender auf den Fernsehschirm zu bringen.
Wie Abokarten bestehender Pay-TV-Angebote via DVB-C und DVB-S muss auch die Smartcard für das DVB-T-Bezahlangebot von RTL, also Passion und RTL Crime, freigeschaltet werden; dies soll der Vermarkter Eutelsat visAvision GmbH übernehmen. Damit ist jedoch auch zu befürchten, dass Anwender lediglich eine Abokarte erhalten, wenn sie einen vom Vermarkter zertifizierten DVB-T-Receiver vorweisen können. Die Zuschauer in der Region Stuttgart werden laut RTL die beiden Pay-TV-Kanäle RTL Crime und Passion im Zuge einer Einführungsphase für ein Jahr kostenfrei via DVB-T sehen können.
Die technische Reichweite in der Region Stuttgart beträgt laut Landesanstalt für Kommunikation (LFK) rund 1,6 Millionen Haushalte. LFK-Präsident Thomas Langheinrich drückt in der Pressemitteilung seine Freude darüber aus, dass "die intensiven Gespräche mit der Mediengruppe RTL Deutschland über ein Engagement in Baden-Württemberg in den letzten zwei Jahren ein positives Ende gefunden haben". Der Ballungsraum Stuttgart werde damit Vorreiter für eine neue DVB-T-Generation, "die die Voraussetzung dafür schafft, den Zuschauern in Zukunft ein größeres Programmangebot und zusätzlich digitale Dienste zur Verfügung zu stellen". In den bestehenden DVB-T-Regionen, in denen sich RTL gemäß der gerade verlängerten Verträge mit dem DVB-T-Plattformbetreiber Media Broadcast bis mindestens 2014 engagieren will, seien derzeit keine Änderungen geplant. Auch von einem HDTV-Angebot über DVB-T ist bislang keine Rede.
[Update]:
Auf Nachfrage von heise online erklärte LFK-Sprecher Alexander Dürr, dass auch die "Free-TV"-Kanäle RTL, Super RTL, RTL II oder VOX grundverschlüsselt ausgestrahlt werden. Man benötigt für den Empfang des RTL-Bouquets also zwingend einen MPEG-4-tauglichen Receiver mit integriertem Conax-System beziehungsweise CI-Slot. Laut Dürr habe die Mediengruppe RTL Deutschland klargestellt, dass es darum ginge, dass die einzelnen Zuschauer – über die Freischaltung – adressierbar sei; mit den Kundenzahlen kann die Sendergruppe beispielsweise gegenüber Werbekunden auftreten. Langfristiges Ziel von RTL sei es, auf allen TV-Übertragungswegen eine Adressierbarkeit zu realisieren. Die Smartcard soll dem Receiver beiliegen; eine Aussage bezüglich der Boxen-Hersteller gibt es bislang nicht. Ebenso ist noch unklar, ob Kunden auch einen von Eutelsat visAvision zertifizierten Empfänger einsetzen müssen.
Da bislang in den Haushalten der Region Stuttgart erst rund 200.000 DVB-T-Receiver (Stand 2008) stünden, sei laut Dürr das nötige Potential für einen Verkauf vieler DVB-T-Empfänger nach dem neuen Standard vorhanden. In Ballungsgebieten wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen sei hingegen bereits eine hohe Sättigung erreicht. Die Nutzung von H.264 ermögliche wiederum eine kostengünstigere Realisierung des Vorhabens. Laut Dürr koste die Verbreitung von TV-Programmen via DVB-T viermal soviel wie über Digitalkabel. Subventionen seien bei diesem Projekt nicht geflossen. Laut Dürr stünde RTL auch mit der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) in Verhandlungen um eine Einspeisung nach dem neuen Standard im Großraum Leipzig/Halle.
ProSiebenSat.1 Media AG (unter anderem ProSieben, Sat.1, Kabel 1, N24, Kabel 1 Classics, Sat.1 Comedy) erklärte auf Nachfrage von heise online unterdessen, dass man dem von RTL in Stuttgart eingeschlagenen Weg nicht beschreiten werde. Laut Pressesprecher Christian Senft lohnt sich der Einsatz aus betriebswirtschaftlicher Sicht für die Senderkette nicht. Gerade in Baden-Württemberg sei die Abdeckung bei den Free- wie auch bei den Pay-TV-Sendern der Kette über Satellit und Kabel ausgezeichnet. Eine Lösung mit neuen Empfangsboxen sorge laut Senft zudem für Verwirrung beim Endkunden. Schließlich erachte man die Kombination aus DVB-T und H.264 aus technischer Sicht als einen unnötigen Zwischenschritt auf dem Weg zu DVB-T2. (nij)