Wenn die Wohnung Ratschläge gibt
Ein Immobilienkonzern baut in Japan ein riesiges Smart-City-Projekt, um es global zu vermarkten. Es zeigt einen Trend der neuen High-Tech-Welt auf: Systeme, die bemuttern.
- Martin Kölling
Ein Immobilienkonzern baut in Japan ein riesiges Smart-City-Projekt, um es global zu vermarkten. Es zeigt einen Trend der neuen High-Tech-Welt auf: Systeme, die bemuttern.
Am Mittwoch habe ich eines der technisch erstaunlichsten Smart-City-Projekte Japans besucht: Kashiwa-no-Ha, das Blatt Kashiwas. Kashiwa ist eine der vielen Vorstädte Tokios. Und der Immobilienentwickler Mitsui baut dort auf dem 420 Hektar großen Grund eines früheren Golfplatzes seine Vorstellung einer Stadt der Zukunft – inklusive Wohnhochhäusern, Hotel, Krankenhaus, Büros und Shopping-Mall sowie Hightech-Treibhäusern, in denen Salat automatisiert in Nährwasserlösungen unter LED-Licht gezüchtet wird. Und für Menschen, die ihren Salat nicht aus dem Reinraum haben wollen, gibt es sogar richtige Gärten.
Das Ziel: Der Konzern will das dort gewonnene Know-how im In- und Ausland vermarkten. Um einen netten Eindruch zu hinterlassen, werden keine Mühen gescheut. Im "Museum" wird in einem Panorama-Kino mit Werbefilmchen das Projekt potenziellen Kunden vorgestellt, in meinem Fall Botschaftern aus fast 30 Ländern. Die Organisatoren reden dabei sehr viel davon, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die Technik. Aber dennoch bleibt nicht verborgen, dass das Herz des Stadt ein Energiemanagementsystem für das gesamte Areal ist. Und es scheint durchdacht zu sein – und vor allem umfassend vernetzt.
Solaranlagen generieren Sonnenstrom, riesige Natrium-Schwefel-Akkus speichern zudem Nachtstrom, um ihn am Tag zu nutzen und die Stromspitzen zu senken. Und das Energiemanagement-Zentrum überwacht Verbrauch und Nachfrage in Wohnungen, Geschäften und Büros, und passt sich bei Bedarf der Nachfrage an. Der Clou ist aber das Krisenmanagement: Sollte ein Erdbeben die Siedlung von der Stromzufuhr abschneiden, schaltet das System auf Notbetrieb um. Haushalte erhalten noch ein wenig Strom, so auch wichtige Geschäfte. Und Notpumpen beginnen, Grundwasser zu fördern, um die Bewohner mit Wasser zu versorgen.
Auch die neugebauten Wohnungen sind allumfassend vernetzt. Über Tablets oder Smartphones können die Bewohner den Stromverbrauch überschauen und kontrollieren. Wer will, kann an einem Energiesparwettbewerb teilnehmen, bei dem der Stromverbrauch der mitmachenden Haushalte öffentlich verglichen und quasi in einer Öko-Liga platziert wird. Für gutes Sparverhalten können die Bewohner sogar Öko-Punkte verdienen, die sie dann in den Geschäften von Kashiwa-no-Ha ausgeben können.
Ein weiteres Pilotprojekt ist die massenhafte Verteilung von Aktivitätsmessern, die wiederum mit Internetdiensten wie Kalorienzählern verbunden sind. Dieses System soll die Menschen dabei unterstützen, gesund zu leben. Denn ein Ziel der Stadt ist auch Pädagogik. Die neue High-Tech-City soll ihren Bewohnern beibringen, nicht nur lange, sondern möglichst lange gesund zu leben. Denn nur ein gesunder alter Mensch ist ein produktiver alter Mensch, der konsumiert und nicht der Krankenkasse zur Last fällt.
Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch ich will lieber gesund sterben, als krank dahinzusiechen. Aber so schön die neue Welt von Morgen heute scheint, mir geht sie ein wenig auf den Geist. Denn sowohl die Wohnung als auch die Gesundheitsdienste bemuttern die Nutzer auf Schritt und Tritt. So weist einen die Wohnungs-IT zum Beispiel darauf hin, dass draußen die Sonne scheint und man den Vorhang öffnen könnte. Darf ich bei so viel Fürsorglichkeit vielleicht auch noch ein bisschen selber denken? (bsc)