Bull gibt Multics-Quellen frei
Mit der Freigabe der Multics-Quellen ist eines der ältesten Time-Sharing-Betriebssysteme allgemein zugänglich.
- Christian Kirsch
Sieben Jahre, nachdem der letzte mit Multics betriebene Rechner abgeschaltet wurde, hat Bull HN, die US-amerikanische Tochter der französischen Groupe Bull, dem MIT (Massachusetts Institute of Technology) die Quellen des Betriebssystems zur Archivierung und Veröffentlichung übergeben. Die ersten Pläne für das Betriebssystem Multiplexed Information and Computing Service stammen aus dem Jahr 1964. Das Gemeinschaftsprojekt von MIT, General Electrics und Bell erschien fünf Jahre später in einer ersten Version.
Das Timesharing-System lief insgesamt nur auf 85 Maschinen. Es galt zwar als sicher und hochverfĂĽgbar, gleichzeitig hielten es viele Forscher jedoch fĂĽr zu komplex. So zog sich Bell schon 1969 aus dem Projekt zurĂĽck, und einige seiner Mitarbeiter begannen mit der Arbeit an Unix (unter anderem Ken Thompson und Dennis Ritchie). Dessen Name (ursprĂĽnglich "Unics") betonte das einfachere "Uniplexed" gegenĂĽber dem komplexen "Multiplexed".
Viele Fähigkeiten aktueller Betriebssysteme fanden sich bereits in Multics, etwa dynamisch gebundene Applikationen, Access Control Lists für Dateien und der Austausch von Hardware im laufenden Betrieb. Das System unterschied nicht zwischen Speicher und Dateien: Jeder Teil des Speichers gehörte zu einem Segment, das auf der Festplatte lag – sogar der Stack. Allerdings war die Größe dieser Segmente auf 256.000 36-Bit-Worte beschränkt.
Die Quellen der letzten Multics-Version MR 12.5 von 1992 sind auf der Website des MIT zugänglich. Eine eigene Website widmet sich den aus Sicht der Multics-Fans falschen Behauptungen über das Betriebssystem. (ck)