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In Berlin protestierten am Sonntag bis zu 20.000 Menschen gegen die Spähpraxis der NSA. Die Debatte über den Umgang mit Informationen im Datenzeitalter gewinnt an Fahrt.
- Robert Thielicke
In Berlin protestierten am Sonntag bis zu 20.000 Menschen gegen die Spähpraxis der NSA. Die Debatte über den Umgang mit Informationen im Datenzeitalter gewinnt an Fahrt – doch Geheimdienste werden dabei bald nur noch eine Randerscheinung sein.
„Wir werden in Zukunft nie mehr offline sein“, sagte mir kürzlich Gesche Joost, Netzpolitik-Beraterin von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Leiterin des Design Research Lab an der Berliner Universität der Künste. Alles funkt, die nun auf den Markt drängenden Smartwatches oder die Google Glass sind nur die Vorboten eines Trends, der mit dem "Internet der Dinge" ziemlich zurückhaltend umschrieben ist. Was fehlt, monierte Joost, sei die gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir mit diesen Möglichkeiten umgehen.
Nun beginnt sie. Und sie wird vielleicht zu der zentralen Debatte des kommenden Jahrzehnts, denn sie berührt die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es geht nicht nur darum, wie weit Geheimdienste gehen dürfen. Das eigentliche Thema ist: Wie weit sollen wir gehen? Denn die Daten werden unser Leben in Zukunft bestimmen, ob nun von Geheimdiensten abgefangen oder nicht. Computer werden unsere Gewohnheiten analysieren und zumindest in großen Teilen unser Leben organisieren – auch ohne Überwachung durch fremde Mächte. Denn wir selbst werden es zulassen. Der Nutzen ist für uns schlicht zu groß. Man kann es Verführung nennen, aber oft ist es schlicht eine Arbeitserleichterung. Wenn die Sonnenbrille Videos aufnehmen kann, beim Navigieren hilft und gleich noch zum Nutzerprofil passende Sehenswürdigkeiten empfiehlt – wie viele würden darauf verzichten? Wenn das autonome Auto schon einmal vorfährt, weil man schließlich immer um acht Uhr zur Arbeit aufbricht – würde man die Funktion wirklich abstellen?
Wir beginnen, in einem riesigen Computer zu leben, gesteuert von unsichtbaren Servern. Was macht das mit uns? Und wie sollen wir diese Zukunft gestalten? Wie schaffen wir es, gut bedient zu werden statt einfach nur fremdbestimmt zu sein? Vor allem aber: Wie bekommen wir mehr Freiheit – und nicht mehr Effizienz?
Es wird höchste Zeit, darüber nachzudenken. Wenn die Debatte nun auf dem Hintergrund des NSA-Abhörskandals beginnt, hat die Praxis der Geheimdienste wenigstens etwas Gutes. Sie zeigt, welchen Einfluss die digitalen Datenströme inzwischen auf´unser Leben haben, was sich aus ihnen herauslesen lässt und welche Macht damit verbunden ist. Nun geht es darum, diese Macht nicht der dunklen Seite zu überlassen. (rot)