Sollen unsere Daten ewig leben?

Wenn ein moderner Mensch stirbt, lebt er im Web weiter. Es wird Zeit, dass wir uns darum kĂĽmmern, was aus unseren digitalen Hinterlassenschaften wird.

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Von
  • Angela Froitzheim
  • Ulf J. Froitzheim

Wenn ein moderner Mensch stirbt, lebt er im Web weiter. Es wird Zeit, dass wir uns darum kĂĽmmern, was aus unseren digitalen Hinterlassenschaften wird.

Ulf J. Froitzheim, TR-Autor, wird seinen digitalen Nachlass bald regeln.

Dem Münchner Google-Mitarbeiter Andreas Türk ist es zu verdanken, dass das Tabuthema Tod jetzt ernster genommen wird. Die Nutzer der diversen Dienste des Unternehmens können dank seiner Idee jetzt für den Ernstfall eine Art digitales Testament hinterlegen. Mittels einer neuen, noch gut versteckten Funktion mit dem seltsamen Namen "Kontoinaktivität-Manager" kann man einstellen, dass Google das virtuelle Ich abschalten soll, wenn man sich drei Monate, ein halbes oder auch ganzes Jahr lang nicht mehr eingeloggt hat. Bevor etwas gelöscht wird, geht eine Meldung an mehrere hierfür hinterlegte E-Mail-Adressen.

Die sonst womöglich ahnungslosen Hinterbliebenen erfahren also spätestens dann, dass der Dahingeschiedene Filme auf YouTube, Fotos auf Picasa oder ein Weblog auf Blogger hinterlassen hat. So haben sie die Chance, audiovisuelle Erinnerungen für die Nachwelt zu retten und Unschönes der digitalen Demenz zu überantworten.

Endlich bekommt das allwissende Netz eine Vergessensfunktion! Die perfekte Lösung ist das zwar nicht: Wer beispielsweise schuldig oder auch unschuldig in Untersuchungshaft oder der geschlossenen Anstalt landet, ist damit für alle Mitmenschen gestorben, die er im Netz kennengelernt hat. Auch mancher Bekannte aus dem echten Leben könnte ihn für tot halten, wenn er im Netz nicht mehr auffindbar ist.

Doch immerhin bekommen wir so ein Stück weit wieder mehr Kontrolle über unsere Daten – wenn auch traurigerweise erst nach unserem Tod. Auch Facebook bietet Angehörigen die Möglichkeit, das Profil eines Verstorbenen löschen zu lassen oder es in einen "Gedenkzustand" zu versetzen.

Viel zu lange war der Tod in den Businessplänen unserer Lifestyle-orientierten Online-Gesellschaft schlichtweg nicht eingeplant. Und bis heute hinterlässt das Sterben hässliche Flecken auf den glitzernden Benutzeroberflächen der Blogs und Social Networks. Diese Ignoranz führt immer wieder zu schmerzlichen, surrealen, mitunter makabren Momenten.

So starben vorletztes Jahr binnen weniger Monate zwei Vordenker der deutschen Internet-Szene, Jörg-Olaf Schäfers und Robin Meyer-Lucht. Beide, erst 38 Jahre alt, hatten über viele Jahre hinweg im Web Spuren ihres Denkens hinterlassen. In der virtuellen Sphäre waren die beiden allgegenwärtig. Wirklich jeder, der sich in Deutschland mit Netzpolitik befasste, schien mit ihnen vernetzt zu sein. Erst nach ihrem Tod kam ans Licht, dass die meisten Trauernden ihnen niemals im richtigen Leben begegnet waren. Kaum jemand hatte geahnt oder gar gewusst, dass die jungen Intellektuellen, die so viele kluge Gedanken tippten, schwer krank waren.

Da von beiden keine offizielle Todesursache bekannt wurde, schossen in Blogs und Foren die Spekulationen ins Kraut. In der Internet-Branche aktiv zu sein und nichts davon mitzubekommen, war schlichtweg unmöglich. Nur die Administratoren der großen Personennetze schalteten nicht. Wer damals Jörg-Olaf Schäfers mit einem Kloß im Hals aus seinen "Kreisen" bei Google+ entfernte, sah ihn wochenlang in der Liste der vorgeschlagenen Kontakte wieder; das Profil existiert noch heute. Im November 2011, gut ein Vierteljahr nach seinem Tod, forderte Xing Schäfers' Bekannte auf, ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Auch Meyer-Luchts Geist schwebte noch lange durch den Cyberspace.

Jörg-Olaf Schäfers' Webseite fx3.org ist mittlerweile aus dem Netz verschwunden – das normale Schicksal von Webpräsenzen, deren Zukunft nicht in einem Testament geregelt ist und für die niemand mehr zahlt. In solchen Fällen erweist sich die populäre These, dass das Internet nichts vergisst, als Irrtum.

Dennoch ist Googles Untätigkeitsmelder ein guter Anlass, sich einmal bewusst zu machen, welchen Stellenwert all die Texte, Bilder, Töne und Filme haben, die wir ohne langes Nachdenken in die Cloud legen, was sie unseren Angehörigen und Freunden bedeuten und ob sie vielleicht für Dritte wertvoll sein könnten. Schließlich lebt das Web von Interaktion, von Links und Kommentaren in den Blogs anderer Menschen. Nehmen die Hinterbliebenen die Seiten vom Netz oder löschen sie das Konto bei Google, bleiben tote Links zurück. Interessante Debatten verlieren ihren Kontext, digitale Demenz nimmt planlos ihren Lauf.

Dabei ist es keineswegs zwingend, dass unserem physischen Ableben das digitale folgt. Die Familie des 2010 gestorbenen Münchner Musikers Mick Brehmen hat seine Website behalten und in ein Online-Memorial umgebaut. Auch die von Robin Meyer-Lucht aufgebaute Essay-Plattform Carta.info besteht fort, weil sich Weggefährten der Sache angenommen haben.

Unternehmen wie Google, Facebook & Co. können es uns zwar erleichtern, unseren Nachlass zu regeln, was unseren Hinterbliebenen quälende Bürokratie erspart. Das Nachdenken darüber, was nach unserem Tod von unseren Daten in der Welt bleiben soll, können sie uns nicht aber abnehmen. (bsc)