Wenn digital analog wird
Die Technik hat inzwischen einen solchen hohen Stand erreicht, dass wir uns zivilisatorisch teilweise schon wieder zurückentwickeln können. Die neueste Idee: eine Dunkelkammer fürs Smartphone.
- Martin Kölling
Die Technik hat inzwischen einen solchen hohen Stand erreicht, dass wir uns zivilisatorisch teilweise schon wieder zurückentwickeln können. Die neueste Idee: eine Dunkelkammer fürs Smartphone.
Es ist schon länger meine These, dass die Digitaltechnik inzwischen ein derart hohes Niveau erreicht hat, dass sie wieder in gewisser Weise analog wird. Computer konnte man bis vor kurzem nur über Tastaturen bedienen. Inzwischen ist der Touchscreen meines iPad in Kombination mit einer reaktionsschnellen App gut genug, damit ich ihn als Block für handschriftliche Interviewmitschriften verwenden kann.
Ein anderes Beispiel aus meinem Umfeld: Fotoapparate. Die neue Gattung der Systemkameras hat zu einer regelrechten Renaissance manueller Fotografie geführt. So bestechend all die Programme, Szenenmodi, In-Kamera-Korrekturen und der blitzschnelle Autofokus der modernen Geräte auch sind, neue Modi erlauben die problemlose manuelle Bedienung auch für Laien. Da wird dann mit neuen elektronischen Suchern mit Vergrößerungsmodi oder mit Fokus-Peaking gearbeitet, bei dem die Kanten von Objekten, die im Bild scharf gestellt sind, flimmern und per Einstellrädchen justiert werden können. Und die Fotografen fahren auf diese analog digitale Welt ab, wie der schwunghafte Handel mit Anschluss-Adaptern und alten manuellen Objektiven zeigt.
Ich persönlich schraube mir inzwischen mein 32 Jahre altes Canon-FD-Normalobjektiv (Blende 1,4) auf meine Lumix GH3 und habe so plötzlich ein extrem lichtstarkes und leichtes Teleobjektiv für Portraits zur Verfügung. Vor kurzem habe ich mir sogar ein manuelles "Voigtländer"-Objektiv 25-Millimeter/Blende 0,95 angeschafft, um ein lichtstarkes "Normalobjektiv" mit geringer Schärfentiefe zu haben. Fotografieren wird damit geradezu wieder zu einem sinnlichen Vergnügen. Ich bin hellauf begeistert.
Und nun haben doch noch ein paar Kreative aus Zagreb auf der Crowd-Financing-Plattform Indiegogo eine noch verrücktere Retroidee lanciert: Enfojer, die Dunkelkammer fürs iPhone. In einer App sollen die Fotografen ihre Bilder bearbeiten können und Belichtungszeiten einstellen. Dann wird das iPhone mit dem Bildschirm nach unten auf den Belichter gelegt. Das Display wirkt dann als Glühlampe, die Flüssigkristalle als Negativ. Ein Fingerschnipp und das Handy schaltet den Bildschirm an, woraufhin Fotopapier traditionell belichtet und in vier Bädern (Entwickler, Stoppen, Fixieren und Wässern) in ein handfestes Foto verwandelt wird. Wenn da nicht Nostalgie aufkommt.
Ich bin mal gespannt, ob Mikroinvestoren die erbetenen 100.000 Euro Startkapital zusammenspenden. Sollte das Projekt die Hürde schaffen, wäre es selbst für mich eine kleine Sensation. Denn ein Teil meiner Analogisierungsthese ist, dass wir zivilisatorischen Rückschritt in der Breite nur dann vollziehen, wenn er einfach zu handhaben ist und uns teilweise sogar unser digitales Leben erleichtert. Beispiel iPad als Notizblock: Auf dem schreibt es sich zwar noch nicht so gut wie auf Papier und Windows-Geräte sind oft besser. Aber ich nehme das in Kauf, weil ich mir dadurch das Abscannen/Ab-iPhonisieren meiner handschriftlichen Notizen für mein digitales Archiv spare.
Die Dunkelkammer fĂĽrs Smartphone bringt hingegen alle MĂĽhsalen des Analogzeitalters zurĂĽck, ohne mir etwas zu erleichtern. Wer will schon sein Badezimmer fĂĽr die Dauer der Benutzung fĂĽr Laufkundschaft sperren? Dieses Analogprojekt wird meines Erachtens allenfalls ein Nischenprodukt bleiben, wenn es ĂĽberhaupt eines wird. (bsc)