Der Augenarzt im iPhone
Ein Zusatzgerät für Smartphones soll den Gang zum Optiker ersetzen und jedem Nutzer ermöglichen, die zu ihm passende Brille selbst herauszufinden.
- Antonio Regalado
Ein Zusatzgerät für Smartphones soll den Gang zum Optiker ersetzen und jedem Nutzer ermöglichen, die zu ihm passende Brille selbst herauszufinden.
Victor Pamplona ist weder Arzt noch Optiker. Er kann Ihnen kein Rezept für eine Kassenbrille ausstellen, auch kein Modell verkaufen. Und doch hat sich der Mann in den Kopf gesetzt, den globalen Optikmarkt – immerhin 75 Milliarden Dollar schwer – aufzumischen: mit Hilfe von „Netra-G“, einer Smartphone-Ergänzung. Das kleine Gerät kann innerhalb von ein bis zwei Minuten die Augen des Nutzers untersuchen, nicht anders als ein Augenarzt.
Netra-G enthält eine von Pamplona selbst entwickelte Version eines Refraktometers. Ein solches Gerät misst die Brechungsverhältnisse im Auge. Die Profivariante kostet üblicherweise um die 5000 Dollar. Pamplona schafft dasselbe mit Hilfe einer Konstruktion aus Kunststofflinsen, die nur einen Bruchteil kostet. Die Software liefert nach einer Untersuchung die Dioptrien-Werte für eine passende Brille – was bisher nur Augenärzte oder Optiker machen.
Der Vorteil von Pamplonas Gerät ist, dass jeder es einsetzen kann. „Wir verändern die Medizin, indem wir die Nutzer sich selbst vermessen lassen“, sagt Pamplona, der vor einigen Jahren aus Brasilien in die USA eingewandert ist.
Der findige Programmierer ist nicht der einzige, der am Nimbus des Arztes kratzt. Eine ganze Reihe von Zusatzgeräten für Smartphones will Menschen dabei helfen, selbst Diagnosen zu erstellen. Das könnte am Ende die Kosten im Gesundheitssystem reduzieren. In den USA beispielsweise fallen 20 Prozent der Gesundheitsausgabe für Arztgebühren an – das sind drei Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts. Pamplona will Ärzte allerdings nicht überflüssig machen: „Wir sehen sie eher als eine Art Betreuer, als Coach.“
Seine Firma EyeNetra hat über zwei Millionen Dollar Startkapital von Investor Vinod Khosla bekommen. Der ist bekanntlich auf die Ärzteschaft nicht allzu gut zu sprechen, warf ihnen im vergangenen Jahr „Scharlatanerie“ vor. 80 Prozent ihrer Diagnoseleistungen könnten durch Maschinen ersetzt werden, ist sich Khosla sicher.
Er finanziert nicht nur EyeNetra, sondern auch andere Start-ups, die ähnliche Ziele verfolgen. Darunter sind AliveCor, das ein Herzmessgerät für Smartphones verkauft, und Cellscope, dessen Gerät Eltern helfen soll, ihre Kinder auf eine Mittelohrentzündung hin zu untersuchen.
Pamplona entwickelte Netra-G während seines Studiums am MIT in einem Labor, das auf Computational Photography spezialisiert ist. Diese Disziplin versucht die Beschränkungen herkömmlicher Fototechnik mit Hilfe von Computertechnik zu brechen, etwa mit Kameras, die um die Ecke knipsen können oder auf jede beliebige Entfernung fokussieren können.
Netra-G funktioniert so: Der Nutzer setzt das Gerät auf den Bildschirm eines Smartphones und schaut durch die Optik. Auf dem Bildschirm muss er dann rote und grüne Linien zur Deckung bringen. Die App errechnet aus dem Unterschied dessen, was der Nutzer zu sehen glaubt, und der tatsächlichen Position der Linien die Sehschärfe. Mit Hilfe des Ergebnisses könnte der Nutzer dann bei einem Online-Optiker wie Warby Parker die passende Brille bestellen – und zwischen 50 und 150 Dollar für die Fachdiagnose durch einen Augenarzt oder Optiker sparen.
In der Optiker-Branche sieht man Pamplonas Gerät nicht mit Begeisterung. Dominick Maino, ein Optiker aus Chicago, der Pamplona auf einer Konferenz kennen lernte, traut dessen Gerät zu, „in den meisten Fällen gute Ergebnisse“ zu liefern. Dass Pamplona den Menschen mehr Macht über ihre Gesundheit geben wolle, sei an sich „keine schlechte Sache“. „Sie können den Arzt aber nicht aus der Gleichung streichen“, gibt Maino zu bedenken. „Zu einer hervorragenden Brille bedarf es deutlich mehr als eine Messung des Brechungsverhältnisses im Auge.“
Euan Thomson von Khosla Ventures erwartet denn auch einigen Widerstand von der amerikanischen Ärzteschaft. Die arbeitet ausschließlich auf Honorarbasis – mit jedem Patient, der wegbleibt, sinkt auch das Einkommen. Khosla Ventures rät Start-ups im Bereich „Mobile Health“ deshalb, ihre Produkte nicht direkt als Verbrauchergeräte zu vermarkten, sondern erst einmal direkt mit Ärzten zusammenzuarbeiten.
Auch EyeNetra vermeidet bislang eine Konfrontation mit der versammelten Ärzteschaft. Netra-G wurde deshalb zunächst ausgiebig in Indien getestet, wo zig Millionen Menschen mangels Augenuntersuchungen und Brillen sehbehindert sind. Zudem ist das Optiker-Geschäft dort nicht so stark reguliert wie in den USA.
Langfristig müssten sich Firmen wie EyeNetra oder AliveCor direkt an den Endverbraucher wenden, sagt Thomson. Die könnten von selbst erstellten EKGs oder Augenuntersuchungen nur profitieren. „Im Kern geht es um Informationen, nicht um Geräte“, betont Thomson. Die Frage ist dann nur, wer diese Informationen interpretiert.
(nbo)