Wo bleibt die Energiewende auf der Insel?
Großbritannien hat ehrgeizige Ziele für eine CO2-arme Energieversorgung. Doch weder der Ausbau der Kernenergie, die CO2-Sequestrierung noch das Fracking kommen voran.
- Peter Fairley
Großbritannien hat ehrgeizige Ziele für eine CO2-arme Energieversorgung. Doch weder der Ausbau der Kernenergie, die CO2-Sequestrierung noch das Fracking kommen voran.
Das war keine gute Idee: Als die britische Regierung im Sommer ankündigte, auf der Insel künftig Erdgas mittels Fracking gewinnen zu wollen, hagelte es Kritik von allen Seiten. Das geplante Gesetze beschneide die Planungshoheit von Landkreisen, und überhaupt sei niemand vorher zu Rate gezogen worden, bemängelten die Kritiker. Doch es sieht so aus, als ob Großbritannien nach dem Ende des Nordseeöl-Booms keine Alternative hat.
Zudem hat sich das Königreich vorgenommen, bis 2030 eine weitgehend CO2-freie Energieversorgung aufzubauen. Hierzu wollte die Cameron-Regierung auch neue Kernkraftwerke bauen und CO2 aus Kohlekraftwerken mittels Sequestrierung (CCS) im Untergrund einlagern – beide Optionen erwiesen sich als zu teuer. Die Erdgasvorräte in der Nordsee wiederum reichen nicht aus, um Zeit für den Umbau des Energiesystems zu gewinnen.
Wenn der britische Wähler jedoch auf etwas achtet, dann ist es Geld. Zwar sorgen sich nach einer Umfrage des U.K. Energy Research Center Dreiviertel der Briten über den Klimawandel. Aber noch mehr, nämlich 80 Prozent, sind „ziemlich oder sehr besorgt“ über die Aussicht, dass Strom und Gas in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren unbezahlbar werden könnten.
Bleibt also die Option, Schiefergas mittels Fracking aus der Tiefe zu holen. Ansonsten droht ein Wiederanfahren bereits stillgelegter Kohlekraftwerke, sollen in den kommenden Jahrzehnten nicht die Lichter ausgehen. „So oder so werden wir uns durchwursteln“, sagt George Day vom Energy Technologies Institute, das von Industrieunternehmen und Regierung getragen wird. „Ob wir unsere CO2-Ziele einhalten, ist eine andere Frage“, so Day.
Die sehen, nicht anders als in anderen EU-Staaten, vor, den Gesamtausstoß von Treibhausgasen im Jahre 2050 um 80 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 zu senken. Konkret würde das laut dem Committee on Climate Change für Großbritannien bedeuten, den derzeitigen Ausstoß von 500 Gramm CO2 pro Kilowattstunde erzeugter Energie auf 50 Gramm zu senken. Das Komitee rechnet vor, dass 2030 bereits 60 Prozent aller neu verkauften Fahrzeuge Elektroautos sein müssten, um den Plan einzuhalten. 2035 dürften nur noch Elektroautos verkauft werden.
Day und andere Regierungsberater halten diese Ziele jedoch für unrealistisch. Die Sonneneinstrahlung – für Photovoltaik – ist noch geringer als in Deutschland, so dass nur Windstrom als Hauptenergiequelle in Frage kommt. Den müssten im Wesentlichen Offshore-Windparks liefern. „Haben wir die industrielle Kapazität, in den nächsten ein oder zwei Jahrzehnten eine Offshore-Leistung von über 50 Gigawatt zu installieren?“ fragt Day, um hinzuzufügen: „Das wäre sehr schwierig.“
Selbst einige Verfechter von Erneuerbaren stimmen zu, dass Großbritannien auch auf Kernkraft und CO2-Sequestrierung setzen muss. „Man wird wahrscheinlich all diese Optionen nutzen müssen“, sagt Briony Worthington, im Schattenkabinett der Labour Party für Energie und Klimawandel zuständig. Das Mindeste sei, so Worthington, dass Großbritannien sich um neue Reaktoren bemühe, um den Anteil von Atomstrom bei 20 Prozent zu halten.
Das Problem der Cameron-Regierung ist aber, dass es bislang noch keine nennenswerten Investitionen in neue Reaktoren und CO2-Lagerstätten gibt. Das liegt größtenteils auch am europäischen Emissionshandel. Der sollte eigentlich emissionsarme Energietechnik fördern, doch nach dem Zusammenbruch des Emissionsmarkts fehlen die Anreize.
Um Investitionen anzuregen, hat Großbritannien eigene CO2-Zertifikatspreise festgelegt, die bis 2020 auf 30 Pfund und bis 2030 auf 70 Pfund steigen sollen. Zudem hat die Regierung eine Preisgarantie für CO2-arme Energiequellen ausgesprochen: Fällt der Marktpreis unter eine bestimmte Schwelle, gleicht die Regierung die Differenz aus. Außerdem fördert sie CCS-Projekte im Frühstadium mit insgesamt einer Milliarde Pfund.
Die Reaktion der Investoren ist allerdings verhalten. Bislang wollen nur zwei Projekte die Beihilfen des Staates in Anspruch nehmen. Ein von Shell geführtes Konsortium will CO2 aus dem Kraftwerk Peterhead in Schottland in eine Lagerstätte unter dem Nordseeboden leiten. Das zweite CCS-Projekt soll Emissionen aus einem Kohlekraftwerk in North Yorkshire entsorgen. Grünes Licht für die Investitionen wird es aber erst 2014 oder 2015 geben.
Beim Neubau von Kernkraftwerken geht es noch schleppender voran. Die Regierung plant, bis 2025 Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 16 Gigawatt am Netz zu haben. Ernsthafte Pläne gibt es bislang aber für genau einen Reaktor. Die Electricité de France will einen Europäischen Druckwasserreaktor mit 1600 Megawatt Leistung auf dem Gelände des AKW Hinkley Point bauen. Die dort in den 1970ern errichteten Reaktoren sollen 2023 stillgelegt werden.
(nbo)