Die Robokete fliegt ins All

Japan hat die erste Rakete in den Weltraum geschickt, die sich dank eingebauter künstlicher Intelligenz vor dem Start selbst überprüfen kann. Ihr kommerzieller Erfolg ist aber unsicher.

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Von
  • Martin Kölling

Japan hat die erste Rakete in den Weltraum geschickt, die sich dank eingebauter künstlicher Intelligenz vor dem Start selbst überprüfen kann. Ihr kommerzieller Erfolg ist aber unsicher.

Der Jubel war groß, als am vergangenen Sonnabend die Festbrennstoffrakete "Epsilon" vom japanischen Weltraumbahnhof Uchinoura erfolgreich abhob. Einmal war der Start abgebrochen worden. Doch dieses Mal transportierte die Rakete, die nach dem Willen ihrer Erbauer die Weltraumfahrt revolutionieren soll, einen Satelliten schnurstracks ins All. Ein Mann war dabei besonders froh: Yasuhiro Morita, der Leiter des Epsilon-Projekts bei der japanischen Raumfahrtbehörde Jaxa. Er bringt die Pioniertat mit einem fast schon persönlich anmutenden Zungenschlag zum Ausdruck: "Ich nenne sie Robokete", sagte er Technology Review einige Zeit vor dem Start.

Er hat den Namen nicht zufällig gewählt. Morita und seine Kollegin haben der Rakete ein paar Löffel künstliche Intelligenz eingetrichtert. Algorithmen erledigen nun unterstützt von wenigen Ingenieuren in einer Woche, wofür beim Vorgängermodell einige Dutzend Experten 42 Tage beschäftigt waren: Sie checken die Ventile, Motoren, Kommunikations- und Steuersysteme durch und geben das "Startklar"-Signal. Statt von einem teuren Lagezentrum aus können die Flugleiter nun den Startbefehl von zwei Laptops auf ihrem Schoß abgeben, so sehr hat Moritas Team die Lagekontrolle vereinfacht. "Einer würde im Prinzip reichen", meint er, "aber sicherheitshalber haben wir einen als Backup dabei."

Das Motiv für die Entwicklung einer smarten Rakete ist nicht die Verwirklichung des technisch Machbaren an sich. Vielmehr will die Jaxa mit der sich selbst checkenden Roboterrakete Japan einen Spitzenplatz in der kommerziellen Satellitenindustrie sichern. Bislang sind die Japaner bei dem Thema nicht erste Wahl. Aber mit der neuen Rakete wollen sie die Kosten für Starts kleiner Satelliten so weit drücken, dass sie einen Markt erschaffen, wo derzeit kein wirklicher Markt ist.

Die Einsparung von Personal ist ein Mittel. Darüber hinaus wurden die Entwicklungs- und Produktionskosten gesenkt, indem die Booster für die große H2A-Raketen als erste Stufe der Epsilon verwendet wurden. Wenn die Rakete ab 2017 wie geplant in Serienproduktion gehen sollte, soll sie 22 Millionen Euro pro Start kosten, ein Dreißigstel einer H2A.

Dafür kann die im Vergleich zu den Riesenraketen kleine Epsilon eine 1,2 Tonnen schwere Fracht in eine niedrige Erdumlaufbahn befördern. Morita erklärte, dass Japan so auf ein neues Geschäftssegment setzt – kleine Länder, nämlich, die erstmals eigene Satelliten ins All schicken wollen.

Kritiker des Programms wenden ein, dass es bisher für solche Projekte keinen eigenen Markt gebe und der Wettbewerb ohnehin schon sehr hart ist. Einige ganz kritische Gesellen glauben sogar, dass die kommerziellen Gründe nur vorgeschoben sind, und dass es Japan in Wirklichkeit um die Entwicklung einer leistungsfähigen Interkontinentalrakete geht.

Gemach. Sicher, man kann Japan als Atommacht im Wartestand sehen. Das Land verfügt über mehr als 40 Tonnen Plutionium, eine Heerschar an Nuklearforschern und erstklassige Raketentechnik mit erprobtem Wiedereintritt von Flugkörpern. (Das Hayabusa-Raumschiff lieferte eine Büchse mit Asteroidenstaub sogar nach einer mehrjährigen Reise durchs All mitsamt einem Zwischenstopp auf einem Asteroiden punktgenau zur Erde zurück.)

Und natürlich sind Raketen immer dualer Natur, sowohl zivil als auch militärisch einsetzbar. Aber immerhin sind sie dual und nicht wie eine Fregatte klar eine Waffe. Also sollte man angesichts der japanischen Sicherheitsstrategie, Geschichte und vor allem der Motive der Forscher durchaus einmal die Jaxa beim Wort nehmen und ihr grundsätzlich friedliche Absichten unterstellen.

Ich habe in meiner Zeit schon viele Wissenschaftler getroffen. Aber der Tenor ist bisher gewesen, dass sie einen Beitrag zur friedlichen Weiterentwicklung der Menschheit leisten und sich nicht für kriegerische Forschung einspannen lassen wollen. Ein kritischer Atomforscher antwortete auf meine provokante Frage, ob Japan nicht innerhalb weniger Wochen oder Monate eine Atombombe entwickeln könnte, fast wie Radio Eriwan. Technisch im Prinzip ja, aber es würden sich wohl nicht genügend seiner Kollegen bereit finden, an einem solchen Projekt mitzuwirken.

Natürlich können sich Einstellungen ändern. Aber bis dahin sollten wir nicht vergessen, dass solche Programme nicht nur nach den technischen Fähigkeiten, sondern auch nach dem politischen Willen eines Landes beurteilt werden müssen. Und da habe ich weit mehr Vertrauen zu Japan, mittelfristig auf friedlichem Weg zu bleiben, als zu den USA, China oder den meisten anderen Staaten. Ich freue mich daher mit Morita über dieses technische Kabinettstückchen. Auch wenn es vielleicht kommerziell kein Erfolg werden sollte. Im nächsten Schritt will der Forscher große Trägerraketen der Jaxa mit künstlicher Intelligenz versehen. (bsc)