Elektroantrieb fürs Gehirn

Hirnstimulation mit Strompulsen und Magnetfeldern kann bei vielen neurologischen Krankheiten helfen. Schon formiert sich eine Hackerszene aus Gesunden, die ihre Hirnleistung auf Do-it-yourself-Basis verbessern wollen.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Hirnstimulation mit Strompulsen und Magnetfeldern kann bei vielen neurologischen Krankheiten helfen. Schon formiert sich eine Hackerszene aus Gesunden, die ihre Hirnleistung auf Do-it-yourself-Basis verbessern wollen.

Der erste Augeninfarkt ereilt Hans-Jörg Hehli im Frühjahr 2011 bei einer Radtour in den Alpen nahe der italienischen Kurstadt Meran. „Da war etwas Graues vor meinem linken Auge, eine Art Schleier“, erzählt der Schweizer. Der Schaden, den die Durchblutungsstörung des Sehnervs auslöst, ist bleibend, beeinträchtigt den Projektleiter einer Werkzeugmaschinenfirma zunächst nicht lange. „Das zweite Auge hat alles kompensiert.“ Als Hehli jedoch im Herbst 2012 auch am rechten Sehnerv einen Augeninfarkt erleidet, kann er selbst mit einer starken Brille nicht mehr lesen: „Es ist, als ob Ihnen jemand Konfetti auf die Zeitung wirft, das ganz viel verdeckt“, umschreibt der heute 58-Jährige die Symptome. Nur mit dem iPad geht es, weil er darauf die Buchstaben vergrößern kann.

Hochdosierte Kortisontabletten lassen die Schwellung um die Sehnerven zurückgehen, doch eine Behandlung zur Wiederherstellung der Sehkraft kennen seine Ärzte nicht. Hehli ist arbeitsunfähig und durchforstet das Internet nach neuen Therapien, die ihm doch noch helfen könnten. Tatsächlich stößt er auf einen Hoffnungsschimmer: einen Artikel über leichte Stromstöße, die Sehstörungen wie seine lindern. Der darin erwähnte Hirnstimulationsapparat des deutschen Medizintechnik-Unternehmens EBS Technologies hilft im August 2013 auch Hehli. Schon nach einem zehntägigen Behandlungsblock in der Neurologie der Berliner Charité bemerkt er erste kleine Fortschritte. Der Grauschleier wird durchlässiger, Farben intensiver, Autokennzeichen deutlicher, fast wieder lesbar. Die Stimulation hatte Verschaltungen zwischen den Nervenzellen so umorganisiert, dass sich die gestörte Sehfunktion besserte.

Was wie ein Wunder oder leicht obskur klingen mag, ist eine durchaus ernstzunehmende Methode. EBS Technologies hat seine Apparatur in – randomisierten, doppelblinden und Placebo-kontrollierten – klinischen Studien an insgesamt gut 200 Probanden mit verschiedenen Ursachen für Sehstörungen getestet: Von Sehnerv-Verletzungen bei Tumoroperationen über Schädel-Hirn-Trauma bis hin zu Schlaganfällen. „Die Stimulation hilft nicht jedem. Aber je nach Fall reicht es schon, wenn 20 bis 30 Prozent der Nervenzellen in den beschädigten Regionen überlebt haben, um eine Verbesserung zu erzielen“, sagt EBS-Geschäftsführer Ulf Pommerening. Inzwischen ist der EBS-Apparat „Next Wave“ zugelassen – und gibt Hoffnung für eine ganze Reihe weiterer Nervenleiden. Die Hirnstimulation verspricht, ganz ohne Medikamente oder gar Operationen das Gehirn so zu beeinflussen, dass es sich schneller regeneriert und besser lernt. Erste Vertreter träumen gar schon davon, dass auch Gesunde mit der Methode ihre geistige Leistung steigern könnten.

(vsz)