Gamescom

Rollenspiel-Entwickler Gudmundsson: "Wir sind Götter"

Auf der GC-Entwicklerkonferenz in Leipzig sprach Eyjolfur Gudmundsson von CCP über sein Online-Rollenspiel Eve Online und wie er dessen ökonomisches und politisches System beeinflussen kann.

vorlesen Druckansicht 303 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.

Als das Online-Rollenspiel Eve Online 2003 startete, hatten sich innerhalb eines Jahres 30.000 Spieler angemeldet. Inzwischen sind es 245.000 zahlende Spieler, die das Online-Universum beleben, Kriege führen und regen Handel treiben. Bei einer solch hohen Anzahl von Spielern kann der isländische Entwickler CCP nicht alle Details der Spielwelt kontrollieren. Er muss einen Großteil der Macht an die Spieler abgeben.

War das Universum von Eve Online zunächst noch ein absolutistisch vom Entwickler regierter Staat, so rief CCP Anfang des Jahres eine Revolution aus und beauftragte die Spieler, eine eigene Regierung demokratisch zu wählen. Die im Mai gewählte Spielervertretung bestand schließlich aus sieben Spielern und zwei Spielerinnen im Alter zwischen 17 und 52 Jahren, die sich seither regelmäßig mit den Entwicklern treffen und Änderungen und Neuerungen der Spielregeln besprechen. "Wir hatten wirklich Angst vor der Demokratie", sagt Gudmundsson, "aber wir haben seitdem viele gute Rückmeldungen bekommen." Die Spieler wüssten zum Teil besser über einige Bereiche des Spiels Bescheid als die Entwickler und hätten viel zu weiteren Verbesserungen beigetragen. So habe man etwa die Randparameter überarbeitet, nach denen NPC-Polizeischiffe Piratenschiffe im Weltraum verfolgen.

Ebenso folge die Ökonomie des Rollenspiels ihren eigenen Gesetzen, die denen der realen Wirtschaft nicht unähnlich sind, seit die Spielerzahl die 100.000er-Marke überschritten hat. "Wir sehen eine strikte Abhängigkeit der Rohstoffpreise von Angebot und Nachfrage", erklärt Gudmundsson. Zwar erlaube EVE Online keine direkte Verbindung zur realen Ökonomie – Spieler können nicht offiziell für reales Geld neue Raumschiffe kaufen – aber es existiere natürlich ein Schwarzmarkt, auf dem solcher Handel betrieben werde. Doch deren Gesetze seien außerhalb der Kontrolle des Publishers. "Ein Spieler hat einmal eine Bank errichtet, Geld eingenommen und nach einigen Monaten das Spiel einfach verlassen und sich aus dem Staub gemacht. Die Spieler waren ihr Geld los, ohne dass wir ihnen helfen konnten." Deshalb rät Gudmundsson davon ab, Geld in spielergeführten Online-Banken zu deponieren.

Was Gudmundsson jedoch kann, ist an den Randparametern des Spiels drehen, damit sich die Preise im richtigen Maß einpendeln. Wenn ein Rohstoff zu teuer wird, kann er eine neue Quelle im Universum freigeben und in der Folge sinken die Preise. Oder aber er erhöht die Preisgrenze für ein Produkt im Spiel, um den Handel und damit auch die Preise zu erhöhen. "Wir sehen im Spiel die gleichen Effekte, wie in der realen Ökonomie", erklärt Gudmundsson. "Doch als Entwickler kann ich die Randbedingungen und Naturgesetze bestimmen. In gewisser Hinsicht macht mich dies zu einem Gott."

Und die Spieler nehmen das Online-Universum sehr ernst. So bauten in einem Geheimprojekt 4000 Spieler acht Monate lang an einem Titan-Raumschiff, das ähnlich wie der Todesstern in Star Wars die Galaxie beherrschen sollte. Doch das Titan-Raumschiff wurde nach nur drei Monaten zerstört. Die ganze Arbeit war unwiederbringlich verloren. Wie im realen Leben haben Entscheidungen und Kriege in der Online-Welt Konsequenzen, die nicht durch Laden eines Speicherstandes wieder rückgängig gemacht werden können. So hat Gudmundsson auch keine Ahnung, wie die Machtverteilung der einzelnen Spieler-Fraktionen in einigen Monaten aussehen wird und welcher Teil der EVE-Online-Galaxie von welcher Gruppe beherrscht werden wird. "Gott" konnte die Welt zwar erschaffen, er kann aber nicht genau bestimmen, wie sie weiter leben wird. (hag)