Erderwärmung: Lieber verhindern als erforschen

Der erste Teil des fünften IPCC-Weltklimaberichts ist veröffentlicht. Es steht kaum Neues darin. Statt das Geld in Klimafolgenforschung zu investieren, sollten wir es lieber für Gegenmaßnahmen ausgeben.

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Von
  • Robert Thielicke

Der erste Teil des fünften IPCC-Weltklimaberichts ist veröffentlicht. Es steht kaum Neues darin. Statt Geld in immer neue Klimafolgenforschung zu investieren, sollten wir es lieber für Gegenmaßnahmen ausgeben.

Die Meeresspiegel steigt stärker als noch 2007 angenommen. Statt maximal 59 Zentimeter werden nun ganze 82 Zentimeter vorhergesagt. Im Übrigen geht es weitgehend weiter wie bisher. Das war die Nachricht, die vielen allerdings nur am Rande als berichtenswert erschien. Dabei heißt in diesem Fall „nichts Neues“ am Ende leider genau das Gegenteil: Alles wird anders.

Sämtliche Versuche, den Prozess zu bremsen, geschweige denn aufzuhalten, sind bisher gescheitert. Klimakonferenz um Klimakonferenz ging ohne substanzielle Ergebnisse zu Ende. Schon jetzt setzt kaum einer große Erwartungen in das nächste Treffen Ende 2014. Zu ernüchternd sind die nackten Zahlen: Im Frühjahr veröffentlichte die Internationale Energieagentur IEA einen Bericht über die weltweite Energieerzeugung. Zwischen 2001 und 2010 stieg der Strom aus erneuerbaren Quellen um 1300 Terawattstunden – war aber nahezu chancenlos gegen die Kohle. Dort betrug der Zuwachs mit 2700 Terawattstunden mehr als das Doppelte. „Die durchschnittliche energetische Einheit ist heute noch genauso dreckig wie vor 20 Jahren“, fasste IEA-Exekutivdirektorin Maria van der Hoeven zusammen.

So dramatisch die Lage ist, der neue Bericht wird an ihr nichts ändern. Denn die Wissenschaft sieht sich einem Paradox gegenüber, dass sie nur schwer auflösen kann: Umso stichhaltiger ihre Beweise werden, umso nachdrücklicher sie ihre Warnungen wiederholt, desto weniger Interesse bringt die Öffentlichkeit ihnen entgegen. Ob der Mensch nun mit 90-prozentiger oder mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit für die Erderwärmung verantwortlich ist, spielt für viele keine Rolle. Klimawandel? Kennen wir schon. Man gewöhnt sich daran. Die Herausforderung ist groß, die nötigen Änderungen gewaltig, wie die heftigen Konflikte um die deutsche Energiewende immer wieder von Neuem zeigen. Da ist es leichter, den Prozess als unabänderlich hinzunehmen und sich in ihm einzurichten. Nur noch 39 Prozent der Deutschen fürchten sich vor dem Klimawandel – so zumindest eine Umfrage des Spiegel. 2006 waren es noch 62 Prozent.

Was also tun? Eine politische Lösung ist so lange nicht in Sicht, wie Kohle und Erdöl als Energiequellen so viel einfacher zu handhaben und damit so viel verführerischer sind als Wind und Sonne. Damit die Erneuerbaren ihnen den Rang ablaufen können, braucht es gewaltige Forschungsanstrengungen – um den Preis zu senken, die Effizienz zu erhöhen und den Strom zu speichern. Das kostet. Woher soll das Geld kommen? An dieser Stelle ein ketzerischer Vorschlag: Es ließe sich in der Klimafolgenforschung einsparen. Das zehnte Feintuning über den Anstieg des Meeresspiegels oder die zwanzigste Studie über die Schrumpfung des Nordpolareises führen kaum weiter. Klimaforscher, Geologen oder Meteorologen werden angesichts der Kürzungen protestieren und darauf hinweisen, dass beides wichtig sei: das Klimaphänomen zu erforschen und es zu verhindern. In einer idealen Welt hätten sie ohne Zweifel recht. Aber in einer idealen Welt hätten wir der menschengemachten Erderwärmung bereits einen Riegel vorgeschoben. (rot)