Ceatec 2013: Ruhe in Frieden

Traurig, aber unübersehbar: Japans legendäre Erfindermesse ist vom globalen Trendsetter in die regionale Bedeutungslosigkeit abgerutscht.

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Von
  • Martin Kölling

Traurig, aber unübersehbar: Japans legendäre Erfindermesse ist vom globalen Trendsetter in die regionale Bedeutungslosigkeit abgerutscht.

Die Ceatec, die am vergangenen Samstag in der Nähe von Tokio zu Ende ging, durchlebte 2013 eine merkwürdige Mischung aus Neubeginn und Nachruf. Schon in den vergangenen Jahren war unübersehbar, dass Japans Elektronikhersteller ihre Hausmesse zugunsten der CES in den USA und der IFA in Berlin links liegen lassen. Es gab kaum noch etwas zu sehen, was die Hersteller nicht schon im Ausland präsentiert hätten. Aber dieses Jahr wurde der absolute Tiefpunkt erreicht

Eingezwängt zwischen den beiden größten Consumer-Elektronik-Messen der Welt trat der Veranstalter, die Vereinigung der japanischen Elektronikindustrie, ganz offensichtlich die Flucht nach vorne an und versuchte eine Neuausrichtung. Das neue Konzept war augenscheinlich, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und auf der Messe seine vernetzte Welt zu zeigen, vom Auto über TV-Geräte bis hin zum Zentralrechner. Doch das Ergebnis wurde pure Langeweile.

Denn die Veranstalter hatten die Vielzahl der Entwicklerstuben und universitären Forschungslabore ausgekehrt. In der Halle, in der man früher technische Trüffel finden konnte, durften Messebesucher jetzt Elektromobile von Toyota, Nissan und Honda ausprobieren. Gähn. Die Elektronikhersteller zeigten, was sie schon auf der IFA gezeigt haben, nur etwas liebloser: neue Handys, flache Fernseher und dazu, wenn sie sie haben, vernetzte Haushaltsgeräte und andere Vernetzungsdienste und -produkte für den Privat- und Geschäftsmenschen. Gähn.

Und die Bauteilehersteller zeigten, wie sie sich auf die Zukunft einstellen: Vernetztes und immer autonomeres Autofahren war dabei eines der Hauptthemen, Konsumelektronik wurde etwas an den Rand gedrängt. Und die Palette der Unternehmen war merkwürdig unvollständig. Nippon Electric Glass stellte ein robustes und flexibles Cover-Glas für Handys vor, aber die Rivalen Corning und Asahi Glass fehlten. Dass Asiens große Rivalen wie Samsung weiterhin einen Bogen um die Ceatec machen, lässt die Messe endgültig zu einer zweitrangigen Regionalmesse werden.

Der Neuentwurf kam bei mir insgesamt nicht an. Alles wirkte unzusammenhängend, erratisch, ohne Linie. Konsument oder Technikexperte, auf den ersten Blick schien mir hier niemand richtig auf seine Kosten zu kommen. Stattdessen mussten Japans Autobauer zur Rettung der Messe eilen. Ohne Toyota, Honda, Nissan, Mazda und Zulieferer wie Denso hätte man die Messe gleich um 50 Prozent schrumpfen können.

Immerhin, einige interessante Sachen gab es doch noch zu sehen: Sharp stellte zum Beispiel das erste Produkt der Forschungskooperation mit dem US-Chiphersteller Qualcomm vor, ein Mems-Display (Mems sind mikroelektromechanische Systeme). Zu sehen gab es auch ein wasserdichtes Tablet und einen spacigen Sessel, der gleichzeitig Gewicht, Puls, Blutdruck und Sauerstoffgehalt im Blut misst, die Werte auf drei Bildschirme und in die Cloud bringt und sich mit dem Teledoktor verbinden kann, der einem dann rät, nicht so viel zu saufen und prassen.

Besonders diesen Stuhl fand ich sympathisch. Denn er bemaß mein Gewicht mit 68 Kilogramm, was (leider) ganz offensichtlich falsch war. Der zuständige Entwickler erklärte den Fehler: Man fälsche den Wert absichtlich, weil die Vorführdamen nicht wollten, dass die Besucher ihr wahres Gewicht sehen. Sehr nett.

Ebenfalls interessant, wie Technik aus der Autoindustrie Weinliebhaber beseelen kann: Denso hat einen Plastikkorken mit Ventil und eine formschöne Vakuumpumpe entwickelt, mit denen die Luft aus der angebrochenen Flasche gesaugt wird. Damit könnte selbst der beste Weinkenner eine geöffnete Flasche ein Woche lang lagern, ohne dass sich die Qualität des Weines verschlechtere, versprach ein Techniker.

Auch nett. Nur reichen diese kleinen Juwelen nicht, um der Ceatec einen Platz im Konzert der groĂźen Elektronikmessen zu sichern. (bsc)