Gegengewicht gesucht

Weil negative Kommentare und Forentrolle überhandnahmen, hat „Popular Science“ seine Kommentarfunktion abgeschaltet. Das kann nicht die Lösung sein.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Weil negative Kommentare und Forentrolle überhandnahmen, hat „Popular Science“ seine Kommentarfunktion abgeschaltet. Das kann nicht die Lösung sein.

Jeder kennt sie, die bissig-beleidigenden Kommentare unter Wissenschaftsartikeln. Vor allem bei Themen, die die Leserschaft spalten – wie Klimawandel, Evolution, Energiewende und Gentechnik –, wird die Tonart oft rauer. Gegner keilen gegen Befürworter, die keilen zurück, und teilweise wird auch der Autor so vehement angegangen, dass einem wirklich die Spucke wegbleibt. „Sie haben das Thema wohl nicht verstanden/den Artikel nicht ganz gelesen!“ ist da noch ein Vorwurf von der harmloseren Sorte. Auch bei unserem Forum und bei Heise Online läuft das zuweilen so.

Dem US-amerikanischen „Popular Science“-Magazin ist wegen der Tonalität der Kommentare vor kurzem die Hutschnur geplatzt: Vor knapp zwei Wochen hat es die Kommentarfunktion unter seinen Online-Artikel komplett abgeschafft. Es sei kaum noch eine vernünftige wissenschaftliche Diskussion möglich, weil das Niederschreien an die Stelle des sachlichen Argumentierens getreten sei. Die Redakteure aber hätten keine Zeit, die Diskussionen langfristig zu moderieren und unsachliche, grob beleidigende Kommentare zu entfernen.

Des Weiteren zitiert das Magazin eine aktuelle Studie, wonach unflätige Kommentare über Technik-Risiken die öffentliche Wahrnehmung des Themas stärker beeinflussen als solche, die in zivilem Ton vorgetragen werden. Online-Rowdys zementierten ideologische Gräben und radikalisieren die Meinung von bis dato gemäßigten Lesern. Sie sorgen der Studie zufolge für eine gefährliche Spirale, denn die öffentliche Meinung beeinflusse die Politik, die darüber entscheide, welche Wissenschaftsgebiete finanziell gefördert werden. Man wolle weiter mit den Lesern diskutieren, aber auf anderen Kanälen, wie Facebook, Google+, Twitter und Mails. Ausgewählte Artikel, die sich für lebhafte Diskussionen eigneten, sollen dann doch kommentierbar sein.

Die Reaktionen sind gemischt. Viele verstehen „Popular Science“, weil sie sich selbst schon über den unflätigen Kommentarton anderer geärgert haben: Dann lieber keine Diskussion, als sich durch den unsachlichen Sumpf kämpfen zu müssen, bevor das nächste konkrete Argument kommt. Doch viele sehen den Schnitt als zu radikal, als ein Einknicken, das mehr schadet als es nützt. Ich verstehe die Frustration der Kollegen durchaus. Es ist nervig bis entmutigend, sich durch unsachliche Threads zu lesen.

Aber die Kommentarmöglichkeit ganz abzuschaffen, weil es bei einigen Themen schlechte Erfahrungen gab, löst das Problem nicht, es verlagert es nur. Die Forentrolle und all die anderen, die sich hinter der Anonymität des Internet verstecken und im direkten Gespräch nie derart beleidigend wären, werden sich andere Online-Kanäle suchen.Möglicherweise einfach die Facebook-Seite des Magazins, wo es seine Artikel vorstellt. So groß ist die Hürde nicht, sich dort nochmal einzuloggen, viele sind das eh schon den ganzen Tag. Und auch auf Twitter benehmen sich die Leute nicht automatisch besser. Alles in allem: Auch diese Foren wollen gepflegt werden, wenn Schmähungen nicht Überhand nehmen sollen. Selbst wenn ich also sage, ich mache das, um weniger Kanäle im Auge behalten zu müssen und die Leser kommentieren ohnehin auch bei Facebook, geht die Rechnung meiner Ansicht nach nicht unbedingt auf.

Durch das Abschalten der Kommentare auf der eigenen Webseite verschenkt „Popular Science“ die einfachste Möglichkeit, mit den Lesern in Kontakt zu kommen und nimmt ihnen ein Mittel, interessante Hinweise zu liefern. Klar könnten sie auch eine Mail schreiben. Aber die sehe dann nur ich als Redakteur. Nicht zuletzt schätzen viele Leser den direkten Kontakt untereinander. Ein Wissenschafts-Magazin lebt eben auch davon, dass sich seine Community austauschen kann.

Man kann solche Kommentare nicht verhindern. Aber es gibt Wege, ihnen zu begegnen. Es ist mühsam und kostet Zeit, das stimmt. Aber wollen wir, denen an der sachlichen Diskussion gelegen ist, jammern oder etwas tun? Klar ist, dass sich nicht jedes Magazin einen Online-Moderator leisten kann, der sich einzig und allein mit Ermahnen und Unkraut-Ausrupfen beschäftigt ist. Das gilt aber eben auch für Twitter und Facebook. Eine der einfachsten Maßnahmen praktiziert das Fachjournal „Nature“ bei seinen Nachrichtenartikeln. Leser können Kommentare per Mausklick als beleidigend oder Spam melden. Das muss das Magazin dann immer noch beurteilen, aber es muss nicht alle seine Foren selbst überwachen.

Wenn es stimmt, dass ausfallend negative Kommentare schlecht für die Wissenschaft sind, dann führt kein Weg daran vorbei, dem etwas entgegenzusetzen. Mir machen vor allem die Leser Mut, die sich Beleidigungen nicht bieten lassen, sondern Störenfriede mit einem klaren „So geht es nicht“ und konsequent mit Argumenten begegnen. Es geht nicht ums Bekehren, sondern darum, ein Gegengewicht zu liefern. Manche Leser tun das sogar auf sehr humorvolle Weise. Sie nehmen die Struktur heftiger Schimpf-Beiträge auf und wandeln sie kreativ in sachliche Gegenargumente um. Ich würde mir wünschen, dass es mehr werden. (vsz)