Aus dem Paläoweb

Als vor zwanzig Jahren der Webbrowser Mosaic die Internet-Neuzeit einläutete, war an Responsive Design oder virtuelle Realität nicht zu denken. Von Echtzeitvideo über Browser, meint iX-Redakteur Henning Behme, haben die Mosaic-Entwickler wahrscheinlich nicht einmal träumen können.

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Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Henning Behme

Viel jünger als Fernsehen, Radio oder Telefon kann das Web eigentlich nicht sein. Fast alle nutzen es selbstverständlich, viele nehmen durch Blogging et cetera aktiv an ihm teil, manche verdienen gar daran. Es kann deshalb im Grunde keine Zeit vor dem Web gegeben haben. Anders ausgedrückt: Als Tim Berners-Lee und Johannes Gutenberg den Buchdruck und das Web erfanden, begann die Neuzeit, das Informations-Holozän.

Kameraschwenk: Auf dem Gelände des National Center for Supercomputing Applications (NCSA), einem Teil der Universität Urbana-Champaign im US-Bundesstaat Illinois, steht tatsächlich eine Gedenktafel für Mosaic, den Urahn heutiger Webbrowser. Marc Andreessen und Eric Bina hatten ihn entwickelt. Allerdings war Mosaic beileibe nicht der erste Browser, andere wie der Next-Browser von Berners-Lee, Viola und Erwise existierten schon vorher. Aber dank Mosaic, das es außer für den Mac und Unix bald auch für Windows 3.1/95 gab, explodierte das Web Mitte der Neunzigerjahre.

An welchem Tag der Anfang des World Wide Web als Massenmedium anzusetzen ist, lässt sich nicht mehr genau sagen. Auf jeden Fall vor genau 20 Jahren, denn das Jahr 1993 könnte man das Mosaic-Jahr nennen. Plötzlich war die Informations-Vorzeit, das Internet-Pleistozän, Geschichte. Das Internet war nicht mehr die völlig akademische Welt von Gopher-Sites, FTP-Servern und Usenet-Foren, sondern Anwender konnten per Klick im Hypertext-Universum WWW spazierengehen.

Von Beginn an erlaubte Mosaic das Einbinden von Bildern als Datei oder Anker, sodass niemand sich ständig durch endlose Textwüsten hangeln musste. Viele Webanbieter blieben allerdings zurückhaltend, was Bildmaterial anging, denn die Geschwindigkeit der Modemverbindungen außerhalb von Universitäten lag im mitzählbaren Bereich. Formulare und Tabellen fügten die Entwickler 1994 hinzu.

Revolutionsversuch: Ebenfalls noch Mitte der Neunzigerjahre sollte die neue Programmiersprache Java unter dem Slogan „Write once, run anywhere“ die überall laufende Anwendung ermöglichen. Geklappt hat das nur bedingt – und ausgesprochen langsam. Letztlich ist es erst zehn Jahre später mit dem nur dem Namen nach ähnlichen JavaScript und Ajax gelungen, dies Versprechen einzulösen und den Webbrowser vom HTML-Anzeiger zur Anwendungsplattform mutieren zu lassen.

JavaScript-Bibliotheken schießen nach wie vor aus dem Boden, als gäbe es keinen Winter. Neuerdings können Browser sogar dazu dienen, Videokonferenzen per WebRTC mit JavaScript abzuhalten. Das hätten Andreessen und Bina sich vielleicht schon 1993 gewünscht, konnten es sich aber nicht vorstellen.

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