Forensische Phonetik bei Polizei und Geheimdiensten
In der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion erläutert die Bundesregierung, welche Software beim BKA u.a. zur Sprach- und Sprechererkenung eingesetzt wird. Über die technischen Mittel der Geheimdienste schweigt sie: Das sei geheim.
Das Bundeskriminalamt (BKA) nutzt verschiedene Anwendungen zur forensischen Phonetik, dem Einsatz der Sprach- und Sprecheranalyse für die Aufklärung von Straftaten. So analysiert es beispielsweise Audioaufzeichnungen nach Stimmen. Das BKA verwendet die Spezialsoftware SPES (Sprecherkennungssystem) für den automatischen forensischen Stimmenvergleich, um kriminaltechnische Gutachten in Ermittlungs- und Strafverfahren zu erstellen. Entwickelt wurde SPES in Kooperation zwischen den BKA und einer Fachhochschule. Hierfür entstanden in den letzten zehn Jahren Entwicklungskosten von 310.000 Euro. Dies führt die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken "zur maschinellen Sprachverarbeitung und forensischen Phonetik bei Polizei und Geheimdiensten" aus.
Außerdem verwendet das BKA kommerzielle oder frei erhältliche Standardsoftware wie Wavesufer, Praat oder Adobe Audition für die Verarbeitung gesprochener Sprache. Diese Produkte werden in eigene Prozesse integriert. Zur Erkennung, wer ein bestimmtes Schriftstück verfasst hat, verwendet das BKA das selbst entwickelte System KISTE (Kriminaltechnisches Informationssystem Texte). KISTE bereitet Schreiben hinsichtlich ihrer linguistischen Merkmale wie Orthographie, Grammatik oder Stil auf, um einen Urheberschaftsvergleich zu ermöglichen. Das System wird nur im Rahmen von Ermittlungsverfahren eingesetzt. Auf diese Weise sollen etwa bei Droh- und Erpressungsschreiben oder Tatbekennungen Tatzusammenhänge erkannt werden. Die vom BKA selbst entwickelte Software sei nicht dafür vorgesehen, erklärte die Bundesregierung, Texte in großer Menge automatisiert zu verarbeiten.
Bei der maschinellen Sprachverarbeitung, die etwa von Geheimdiensten eingesetzt wird, werden Inhalte und Sprachen automatisch erkannt, gesprochene Sprache verarbeitet und in geschriebene Sprache umgewandelt. Die Sprachdateien können weiter durch Verfahren zur Texterkennung, Textfilterung, Textmining oder der maschinellen Übersetzung verarbeitet werden. Alle Fragen in Bezug auf den Bundesnachrichtendienst beantwortete die Bundesregierung allerdings mit Verweis auf Geheimhaltung nicht. "Indem die Bundesregierung zu den technischen Möglichkeiten ihrer Geheimdienste schweigt, hebelt sie die parlamentarische und öffentliche Kontrolle aus", sagt der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von der Linken. Er müsse davon ausgehen, "dass der Bundesnachrichtendienst nicht nur geschriebene Verkehre im Rahmen seiner 'strategischen Fernmeldeaufklärung' durchforstet. Wird auch die gesprochene Kommunikation derart ausspioniert, müssen wir darüber Bescheid wissen. Ansonsten wird das Vertrauen in die digitale Privatsphäre weiter ausgehebelt."
Die Bundesregierung teilte allerdings mit, dass das BKA zur Erkennung von verschiedenen Sprachen in sichergestellten Textdokumenten eine eigens dafür entwickelte Software in der Abteilung "Kriminalistisches Institut" einsetzt. Textmining findet im BKA hingegen nicht statt. Auch wird keine Hard- und Software für die maschinelle Rohübersetzung eingesetzt. Technisch ist es zwar möglich, in den polizeilichen Datenbanken nach einzelnen Stimmen oder Audioaufzeichnung zu suchen. Doch das BKA macht hiervon keinen Gebrauch.
Im BKA wird zudem Forschung und Entwicklung im Bereich der forensischen Phonetik betrieben, die aus den Mitteln des BKA-Haushalts finanziert wird. Die Projekte werden in Zusammenarbeit mit Hochschulen und in Einzelfällen mit Firmen umgesetzt. Schwerpunkte sind hierbei die Aufbereitung akustisch gestörter Sprachsignale, Methoden zur Messung akustischer Parameter in gesprochener Sprache, die Verbesserung der computergestützten Sprechererkennung und Ähnlichkeitsmerkmale von Texten. Außerdem finanzierte auch das Bundesforschungsministerium eine Reihe von Forschungsprojekten zur maschinellen Sprachverarbeitung, forensischen Phonetik oder automatisierten Übersetzung. Die jüngsten dieser Forschungsprojekte liefen jedoch nach Angaben der Bundesregierung 2006 aus, seither wurden keine Projekte mehr finanziert.
Die Bundesregierung teilte überdies mit, dass Anfang dieses Jahres ein Runder Tisch zur "Sicherstellung der Kommunikationsüberwachung in der Zukunft" auf Initiative von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eingerichtet wurde. Dabei handelt es sich um ein ressortübergreifendes Gremium, das "Herausforderungen behandelt, die sich aus den Entwicklungen auf dem Gebiete der Telekommunikation für die Nachrichtendienste, Polizei- und Strafverfolgungsbehörden ergeben". Der Runde Tisch hat Arbeitsgruppen eingerichtet, an denen sich die Vertreter der Ressorts und deren nachgeordneten Behörden sowie Vertreter von Landesbehörden beteiligen. (jk)