Ein Sack voller Wunder

Mit dem Wonderbag lassen sich Speisen rauchfrei und energiesparend garen.

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Von
  • Jens Lubbadeh

Mit dem Wonderbag lassen sich Speisen rauchfrei und energiesparend garen.

Er sieht aus wie ein Diwan aus den siebziger Jahren, lange auf dem heimischen Speicher vergessen und nun, Jahrzehnte später, wiederentdeckt. Tatsächlich ist der Wonderbag die Wiederentdeckung einer alten Idee: "Es ist die älteste Technologie der Welt", sagt seine Erfinderin, die Südafrikanerin Sarah Collins: Kochen mit gespeicherter Wärme. "Schon die Buschmänner haben ihre Töpfe im Sand vergraben, um das Essen garen zu lassen und es warm zu halten." Ende des 19. Jahrhunderts war in Deutschland die Kochkiste sehr verbreitet, eine Holzkonstruktion, ausgekleidet mit Zeitungspapier oder Stroh. Als ihr Erfinder gilt Karl Drais, Vater der berühmten Draisine.

Mit dem Wonderbag hat Collins das Prinzip wiederbelebt, vereinfacht – und verbessert: Sie füllte einen Stoffsack mit Kügelchen aus recyceltem Styropor. Dieser speichert die Wärme so gut, dass ein eingehüllter Topf mit siedend heißem Essen noch nach sechs Stunden kocht und nach zwölf Stunden immer noch heiß ist. Reis beispielsweise erhitzt man zwei Minuten auf dem Herd und packt den Topf danach eine Stunde in den Wonderbag – fertig. Hühnchen: 15 Minuten Herd, drei Stunden Wonderbag. Die Vorteile dieses simplen Styroporsacks: Er vermindert Brennmaterialverbrauch, aufwendige Brennholzsuche, Abholzung, Zeit am Herd, Kosten und giftigen Rauch.

Gerade letzterer ist ein Riesenproblem: Rund um den Globus brutzelt jeden Tag in drei Millionen Haushalten Essen über offenem Feuer. Als Brennstoff dient in der Regel, was gerade da ist: Holz, Dung, Pflanzenabfälle, Kerosin, Kohle. Dabei entsteht giftiger Rauch, der krank macht, und jedes Jahr vier Millionen Menschen das Leben kostet – so das Ergebnis der Global Burden of Disease Studie, die 2012 veröffentlicht wurde. Sie ist ein Projekt der Harvard School of Public Health, der Weltgesundheitsorganisation und der Weltbank und untersucht weltweit die Ursachen für Sterblichkeit und Krankheit. Es sind vor allem Kinder, die an den Folgen des Rauchs sterben.

Am besten wäre es natürlich, alle rußigen Öfen gegen saubere auszutauschen, die mit reinem Alkohol oder Sonnenkraft kochen. Das hat sich die Global Alliance for Clean Cookstoves zum Ziel gesetzt. Doch das ist zum einen teuer, zum anderen erfordert es eine Umstellung der Lebensgewohnheiten. Um etwa den Solarofen zu nutzen, müssen die Menschen tagsüber kochen – statt wie in vielen Haushalten üblich abends.

Der Wonderbag hingegen passt in den Alltag. Die Idee hatte Sarah Collins 2007, als Südafrika schwere Stromausfälle erlitt. Sie erinnerte sich an die "Wonderbox" ihrer Großmutter, eine Abwandlung der Kochkiste, die mit alten Kissen funktionierte. Collins, die zuvor eine Nichtregierungsorganisationen gegründet hatte, die Leute in Ökotourismus ausbildete, kannte das Rauchproblem und experimentierte mit dem Prinzip, um diesen Familien zu helfen. Daraus entstand ihre Firma, die den Wonderbag in Afrika und Europa verkauft. Ihr Modell: "Wir verkaufen den Kochsack denjenigen, die ihn sich leisten können, und subventionieren damit die Verteilung an Bedürftige." In Südafrika kostet er umgerechnet elf Euro, in Europa 35. Wer das Deluxe-Modell für 95 Euro kauft, finanziert sogar ein kostenloses Exemplar für eine Familie in Südafrika mit.

Welche Auswirkungen er auf das Leben der Menschen hatte, davon war Sarah Collins selbst überrascht: "Das Geld für die Kohle reichte auf einmal den ganzen Monat, die Familien hatten mehr Geld zur Verfügung, die Mädchen, die vorher Brennholz sammeln mussten, konnten wieder in die Schule gehen."

In Kapstadt und Pretoria hat Collins gemeinsam mit ihrer Partnerin Moshy Mathe Produktionsstätten aufgebaut, in denen Tausende Arbeiter die Kochsäcke produzieren. Mittlerweile unterstützen Konzerne wie Unilever, Microsoft und JP Morgan ihr Unternehmen. Collins hat bislang 650.000 Wonderbags produziert und 600.000 in Südafrika verkauft beziehungsweise verteilt. Bis 2015 will Collins 100 Millionen Wonderbags in bis zu 15 Länder weltweit bringen. (jlu)