Streit um Prager Stasi-Pranger im Netz

Das tschechische Institut zur Untersuchung totalitärer Regime hat ein Archiv ins Netz gestellt, in dem rund 140.000 mit der früheren Staatssicherheit in Berührung gekommene Personen verzeichnet sind.

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Das tschechische Institut zur Untersuchung totalitärer Regime hat Ende Juli ein frei zugängliches Archiv ins Internet gestellt, in dem etwa 140.000 mit der früheren tschechoslowakischen Staatssicherheit und mit anderen Geheimdiensten in Berührung gekommene Personen gelistet sind. Im Umfeld des 40. Jahrestags der Niederschlagung der Aufstände im Prager Frühling hat das Archiv, das der Aufarbeitung eines der dunkleren Kapitel der sozialistischen Ära in der ehemaligen Tschechoslowakei dienen soll, nun einen Streit über den öffentlichen Pranger im Netz ausgelöst. Denn Internetnutzer können nicht nur nach Familienmitgliedern, Nachbarn oder Arbeitskollegen in dem System suchen, sondern werden auch bei der Eingabe von Politikernamen fündig.

Zumindest fünf Abgeordnete finden sich laut einem Bericht der Prague Post in dem Stasi-Register. Alle streiten jedoch ab, mit dem Staatsschutz oder anderen Nachrichtendiensten kooperiert zu haben oder als Spitzel tätig gewesen zu sein. Sie erwägen, rechtliche Schritte gegen die Veröffentlichung ihrer Namen in der Datenbank einzuleiten. Die Liste Prominenter, die in dem Geheimdienstarchiv auftauchen, ist der Frankfurter Rundschau zufolge aber lang. So sollen etwa auch ein Vize-Generalstabschef und der Vorsitzende des olympischen Komitees darin geführt werden.

Ein Sprecher des Instituts verteidigte die Enthüllungen mit dem Streben nach größtmöglicher Transparenz. Ein Eintrag heiße nicht automatisch, dass die entsprechende Person mit der Staatssicherheit und dem kommunistischen Regime zusammengearbeitet habe. Um solche Vorwürfe zu klären, müsse man in die vollständigen Akten schauen. Diese könnten wegen ihres Umfangs jedoch nicht online zugänglich gemacht werden. Wer sich fälschlicherweise verdächtigt fühle, könne aber natürlich selbst seine Stasi-Unterlagen veröffentlichen und sich damit reinwaschen. Das gesamte Archiv umfasst laut einer Erklärung der Einrichtung Akten, die aneinandergereiht eine Strecke von 19 Kilometern ergeben würden.

Zu den Parlamentariern, die sich Sorgen um ihren Ruf machen, gehört der frühere Profi-Skispringer Pavel Ploc. Der im Archiv gelistete Sozialdemokrat betonte, dass Spitzensportler nicht nur regelmäßig im Interesse ihrer Karriere zugleich bei der Armee gewesen seien. Vielmehr habe es nach jeder Auslandsreise auch Gespräche mit dem besorgten Staatsschutz gegeben. Sensitive Informationen habe er dabei aber nie mitgeteilt, sondern höchstens, dass man befreundete Emigranten getroffen oder was man den Kindern im zollfreien Handel gekauft habe. Ploc will seine gesamte Akte bald veröffentlichen, fühlt sich durch die Datenbank aber ungerechtfertigt unter Druck gesetzt. (Stefan Krempl) / (pmz)