Die sauberen Seiten der Leistungssteigerung
Die Ausstellung "Computer.Sport" in Paderborn zeigt das Zusammenspiel von Sport und Technik. Das Thema Doping wird jedoch ausgespart.
Bei der Eröffnung der Ausstellung "Computer.Sport – Technik die bewegt" rühmte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am gestrigen Samstag im Heinz-Nixdorf-Museumsforum (HNF) in Paderborn den Sport als "Schule für ein faires gesellschaftliches Miteinander". Um das Thema Doping kam er dabei nicht herum. Er räumte ein, dass es Versuche gebe, sich im sportlichen Wettbewerb "unrechtmäßige Vorteile zu verschaffen". Kontrolllabore seien dafür wichtig. "Für ihre Arbeit brauchen die Dopingjäger absolute Spitzentechnologie", so Schäuble.
Doch ausgerechnet um das Thema Doping drückt sich die Ausstellung. "Wir zeigen Doping nicht, weil wir es als Ausstellungsthema schwierig finden", sagte HNF-Geschäftsführer Dr. Kurt Beiersdörfer und verwies auf das Rahmenprogramm. Dort widmen sich zwei Vorträge am 5. und 17. März sowie eine Diskussionsrunde am 28. April der Problematik der illegalen Leistungssteigerung. Die Ausstellung selbst aber bleibt sauber und zeigt noch bis 5. Juli auf 1000 Quadratmetern verschiedene Aspekte des Zusammenspiels von Sport und Technologie.
Besucher, die mit der Rolltreppe in den dritten Stock des Computermuseums fahren, gelangen zunächst scheinbar mitten ins Fußballstadion. Auf einer geschwungenen Leinwand zeigen fünf Projektoren die Panoramaansicht eines Fußballspiels. Direkt daneben ist ein Fernsehstudio aufgebaut, in dem die Besucher selbst den Platz am Moderatorenpult einnehmen und auf Monitoren sehen können, wie hinter ihnen auf der "Green Box" passende Bildmotive eingeblendet werden. Dies sind die "medialen Sportwelten", der erste von vier Themenkomplexen der Ausstellung. Er zeigt, wie der Computer die mediale Präsentation von Sportereignissen beeinflusst. Hier steht auch ein Spielanalysetisch, an denen der Besucher Szenen aus einem Fußballspiel einfrieren und aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann.
Im sich unmittelbar anschließenden Bereich "Leistung durch Training" verdeutlichen die Exponate, die die Besucher zum großen Teil selber ausprobieren können, wie die Leistungsmessung Optimierungspotenziale aufdeckt. So gibt eine Kraftmessplatte nicht nur genaue Daten zur Sprungkraft des Athleten, sondern registriert auch minimale Drehmomente in den Füßen beim Absprung. Das hilft zum Beispiel, die Koordination von Synchronspringern zu verbessern. Ein Ruderergometer misst neben der Gesamtleistung auch deren Symmetrie. Auf dem Monitor können die Proberuderer daher nicht nur sehen, ob sie mit ihrer Kraft einen Eierkocher oder sogar schon einen Staubsauger betreiben könnten, sondern auch, ob sie dabei noch auf Kurs sind.
Bei Lauf- oder Schwimmwettbewerben entscheidet häufig der Start über Sieg oder Niederlage. Hier helfen detaillierte Bewegungsstudien mit Hochgeschwindigkeitskameras. Die Ausstellung zeigt einen Startblock für Schwimmer, der die Zeit zwischen Startsignal und Absprung auf die Millisekunde genau misst. Auf einer etwa fünf Meter langen Sprintstrecke können sich die Besucher von mehreren Kameras beim Laufen filmen lassen und hinterher auf dem Monitor anschauen, wie aus diesen Bildern anatomische Modelle generiert werden. Das Besondere an diesem vom Zentrum für Grafische Datenverarbeitung in Darmstadt entwickelten Motion-Capture-Verfahren ist, dass es ohne die sonst üblichen Marker auskommt, die an Gelenken und Körpersymmetriepunkten befestigt werden, um die Modellierung zu erleichtern.
Neben der Optimierung von Bewegungsabläufen, Trainingsprogrammen und Ernährungsplänen hilft der Computer auch beim Design von Sportgeräten und -kleidung. Diesem Thema widmet sich der dritte Bereich der Ausstellung unter dem Titel "Die Macht des Materials". Im ZDF-Sportstudio, das zur Ausstellungeröffnung aus dem HNF übertragen wurde, erzählte der einstige Zehnkämpfer Kurt Bendlin, wie er noch den Stabhochsprung mit einer improvisierten Sprunganlage auf einer Wiese in Schleswig-Holstein geübt hat. Selbstentwickelte Schuhe verhalfen ihm einst bei regnerischem Wetter zum Sieg beim Diskuswettbewerb. Heute kommt man im Leistungssport mit solchen Eigenentwicklungen nicht mehr weit. Moderne Sprungstäbe sind aus glasfaserverstärktem Kunststoff und extrem biegsam, sodass sie viel Energie aus dem Anlauf speichern und beim Sprung wieder abgeben können. Nach der Einführung dieser Technologie im Jahr 1962 stiegen die beim Stabhochsprung erzielten Höhen von 4,78 auf über 6 Meter.
Kleidung und Sportgeräte werden für Spitzenathleten nach Maß gefertigt, wobei für die Körpervermessung Laserscanner eingesetzt werden. Prominentestes Exponat in diesem Bereich dürfte der Schwimmanzug LZR Racer sein, mit dem der US-amerikanische Schwimmer Michael Phelps bei den Olympischen Spielen 2008 mehrere Goldmedaillen gewann. Für die Entwicklung dieses Anzugs wurden bei mehr als 400 Athleten Bodyscans vorgenommen und technische Tests an über 100 Geweben durchgeführt. Der Hightech-Anzug reduziert nicht nur die Verwirbelungen beim Gleiten durchs Wasser. "Durch extreme Kompression", verrät die Texttafel neben dem Exponat, "werden die Körperspannung, die Leistung des Herzens und die Muskelelastizität erhöht. So werden Impulse direkter auf das Wasser übertragen und der Verlust von Bewegungsenergie vermieden."
Eine Paderborner Schwimmerin, erläuterte HNF-Geschäftsführer Beiersdörfer beim Rundgang mit Minister Schäuble, hätte den Anzug ausprobiert und ihre Zeit über 50 Meter damit auf Anhieb um eine Sekunde verbessert. An dieser Stelle würde sich mancher Ausstellungsbesucher vielleicht eine Erörterung der Frage wünschen, ob bei der Nutzung solcher Technologien die Fairness nicht auf der Strecke bleibt. Ist hier nicht zumindest schon die Grauzone zum Doping erreicht? Doch die Frage bleibt ungestellt. Auf einer anderen Texttafel findet sich die Anmerkung: "Hightech im Sport steht fast ausschließlich Athleten aus reichen Ländern zur Verfügung. Chancengleichheit durch Technikverzicht zu fordern, greift aber zu kurz und ist kaum durchsetzbar." Etwas mehr Mut zur Auseinandersetzung mit dem Gebot der unbedingten Leistungssteigerung hätte "Computer.Sport" sicherlich gut getan.
Auch beim letzten Themenkomplex "Virtuelle Sportwelten" gibt es eine Leerstelle. Neben durchaus beeindruckenden Exponaten wie einem Golfsimulator, einem virtuellen Windkanal für Rennrodler oder einem Biathlon-Schießstand hätten hier auch Exponate ihren Platz finden können, die illustrieren, wie Computer selbst mehr und mehr in sportlichen Wettbewerb treten. Immerhin war das HNF fünf Jahre lang Austragungsort für die RoboCup German Open, einen Wettbewerb für Roboter in Fußball und anderen Disziplinen. Er glaube nicht, sagte Wolfgang Schäuble in seiner Eröffnungsrede, "dass einmal Computer das menschliche Gegenüber im Sport, mit dem wir uns im Wettkampf messen, verdrängen werden". Darüber ließe sich diskutieren. Ein paar mehr Exponate, die solche denkbaren Entwicklungen skizzieren, sei es als Weiterentwicklung oder Bedrohung des Sports, hätten die Ausstellung bereichert.
"Wir brauchen einen sauberen Spitzensport, der zu Leistung und Fairness motiviert", sagte Schäuble auch. Es scheint, als wolle die Ausstellung "Computer.Sport" dieser Forderung nachkommen, indem sie sich als saubere, unterhaltsam inszenierte Hightech-Veranstaltung inszeniert und die schmutzigeren, strittigeren Aspekte ins Rahmenprogramm abschiebt. Ob das langfristig die richtige Strategie ist, darf bezweifelt werden. (Hans-Arthur Marsiske) / (uma)