Radio Bremen mit neuem Konzept

Unter dem Stichwort Modernstes Funkhaus stellt der Radiosender des kleinsten Bundeslandes seine Redaktionen neu zusammen und baut auch räumlich alles um.

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Von
  • Oliver Pietschmann
  • dpa

Durch die kargen Flure dröhnt noch der Baulärm. Gelbe Klebezettel weisen provisorisch den Weg. Längst ist im "modernsten Funkhaus Europas" noch nicht das letzte Kabel verlegt. Während in einigen Redaktionsräumen schon die Journalisten mit digitaler Technik das Programm gestalten, wird in anderen Ecken des neuen Funkhauses von Radio Bremen noch mit grobem Werkzeug letzte Hand angelegt. Saßen bislang Hörfunk und Fernsehen in getrennten Sendezentren in der Stadt verteilt, werden künftig alle Mitarbeiter unter einem Dach arbeiten. Im Januar soll der Umzug nach den Worten von Intendant Heinz Glässgen vollständig abgeschlossen sein. An diesem Montag will der kleine Sender aus Anlass der ARD-Hauptversammlung nun mit einem Festakt die neue Struktur und den Neubau feiern.

Das neue Sendehaus an der Weser, modernste Technik, neue Philosophie: In der kleinsten ARD-Anstalt gab es unter Sparzwang eine massive Umstrukturierung. 40 Prozent der Belegschaft wurden nach den Worten Glässgens sozialverträglich abgebaut. Hörfunk, Online-Nachrichten und Fernsehen arbeiten jetzt in trimedialen Redaktionen zusammen. "Wir haben nun technische Möglichkeiten, die es woanders noch nicht gibt", beschreibt Glässgen die Vorteile des Neubaus. Multimediale Redaktionen hätten direkten Zugriff auf Archive, Datenbanken und die unterschiedlichen Medien. Kollegen bedienen sich mit einer einheitlichen Software im selben Redaktionsraum schnell bei den Zitaten und arbeiten für ihre eigene Produktion.

"Wir können nicht an allen Ecken und Enden Kompetenzen vorhalten", beschreibt Glässgen angesichts klammer Kassen den Zwang, Fachredaktionen zusammenzulegen. Sendezentren jeweils für Hörfunk und Fernsehen, rund 300 der 700 Stellen und auch Programmzuschnitte fielen dem Diktat des Rotstifts zum Opfer. Produktion und Technik wurden ausgegliedert. Die Produktion liegt künftig in der Hand der Bremedia Produktions GmbH, einer Beteilungsgesellschaft von Radio Bremen (49 Prozent) und der Bavaria Film GmbH (51 Prozent).

Und auch das 80 Millionen Euro teure Haus selbst ist Bestandteil des Sparkonzepts. Keine zwei Kantinen mehr, wesentlich weniger Mitarbeiter unter einem Dach – durch den Neubau mit seinen Glasfassaden werden nach Angaben Glässgens jährlich drei bis vier Millionen Euro eingespart. "In diesen Neubau hätte das alte Radio Bremen nicht mehr gepasst, wir sind auf halbe Betriebsfläche gegangen."

Finanziert werden konnte dies alles nach Angaben des Intendanten durch die Solidarität der ARD. Für die Neustrukturierung des kleinen Senders wurden mehr als 64 Millionen Euro bereitgestellt. Durch die Entscheidung der Ministerpräsidenten 1999, den ARD-Finanzausgleich zu halbieren, habe man "ohne jede Not" in den Haushalt eingegriffen. Für den Sender habe dies binnen fünf Jahren den Verlust rund eines Drittels seiner Finanzen bedeutet. "Wir haben alles auf den Kopf gestellt, wirklich alles", sagt Glässgen.

"Radio Bremen kann nach den drastischen Kürzungen der Finanzen nicht mehr überall in der ARD präsent sein", glaubt der Intendant. Showgrößen wie früher Rudi Carrell könne sich der Sender schon lange nicht mehr leisten. Er habe jedoch nicht die Sorge, dass der Sender mit der Ausgliederung der Produktion seine Eigenständigkeit in Frage stellt.

Nicht ganz so überzeugt von den neuen Räumlichkeiten und der Technik mit der einheitlichen Software sind indes Mitarbeiter des Senders. In der Kritik stehen zum Beispiel Großräume mit Dutzenden Arbeitsplätzen. "Hier arbeitet keiner gerne", sagt der Vorsitzende des Personalrates, Bernd Graul. Da gebe es schnell "Assoziationen zu einer Nähwerkstatt". Zudem würden die Kollegen unter der neuen und noch störanfälligen Software leiden. Die Akustik in Großräumen sei unerträglich, vertrauliche Gespräche am Telefon unmöglich.

"Der Personalrat vertritt die Kritik einzelner Kollegen", sagt Glässgen. "Natürlich sind nicht alle Redaktionen glücklich bei den Veränderungen." Er ist indes von der Neugestaltung des Senders überzeugt und sieht in Radio Bremen auch wenig ein "Versuchskaninchen". "Ich hoffe, dass die, die nach uns kommen, auf unsere Erfahrungen zurückgreifen können." (Oliver Pietschmann, dpa) / (ll)