Studie fordert Fokussierung der Berliner Open-Source-Branche
Laut einer repräsentativen Umfrage erwirtschaften Firmen in der Hauptstadtregion mit freier Software rund 150 Millionen Euro pro Jahr. Die Studie empfiehlt, den Schwerpunkt auf den öffentlichen Sektor zu legen.
Etwa 600 Firmen und Allein-Unternehmer in Berlin und Brandenburg erwirtschaften derzeit pro Jahr mit Software und Dienstleistungen im Bereich Open Source rund 150 Millionen Euro pro Jahr. Dies geht aus einer jetzt veröffentlichten Studie der MICUS Management Consulting GmbH im Auftrag der TSB Innovationsagentur Berlin (Technologiestiftung) und der Senatswirtschaftsverwaltung hervor. Die Analyse beruht auf einer Online-Umfrage, die zwischen November 2008 und Januar 2009 durchgeführt wurde. Dafür schrieb MICUS rund 500 Unternehmen und Forschungseinrichtungen an. Auf Basis der eingegangenen 231 Antworten sprechen die Organisatoren von ersten repräsentativen Zahlen zur Branchenstruktur im Berliner Open-Source-Softwaremarkt.
Das untersuchte Segment setzt sich zu über 50 Prozent aus Einzelprogrammierern und Firmen mit bis zu fünf Mitarbeitern zusammen. Bei dieser Unternehmensgröße liege Berlin etwa zehn Prozent über dem Bundesvergleich. Nur knapp ein Viertel der untersuchten Firmen beschäftige mehr als 50 Mitarbeiter. Bei einigen Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten sei davon auszugehen, dass diese auch in Niederlassungen außerhalb Berlins tätig seien. Die künftige Entwicklung der Mitarbeiterzahl schätzen die Firmen laut der Studie im Gegensatz zum Durchschnitt der IT-Unternehmen in der Region überaus positiv ein: So möchten etwa 51 Prozent weitere Mitarbeiter einstellen. Insgesamt seien rund 20 Prozent der einschlägigen Firmen im Technologiefeld freier Software tätig.
Die allein mit Open Source und Dienstleistungen erwirtschafteten Umsätze sind der Studie nach bislang vergleichsweise gering. 55 Prozent würden ein Jahreseinkommen von maximal 50.000 Euro erzielen. Nur sechs Prozent kämen auf einen Jahresumsatz von mehr als einer Million Euro. 80 Prozent sähen eine Umsatzsteigerung voraus, die Hälfte gehe von einem Wachstum um mehr als 16 Prozentpunkte pro Jahr aus. Insgesamt werde die Prognose optimistischer gesehen als für den Bundesdurchschnitt.
Insgesamt bestehe eine groĂźe Bereitschaft, Kompetenzen in Form von Kooperationen zu bĂĽndeln. 68 Prozent der Teilnehmer wĂĽrden bereits mit anderen Firmen oder Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen zusammenarbeiten. Nahezu 40 Prozent nutzen nach eigenen Angaben bereits Synergien in Verbundprojekten. Als Schwerpunkte wĂĽrden Server-Virtualisierung, der Einsatz von Linux auf dem Desktop, Kollaborationsplattformen und Groupware bis hin zu integrierten Systemen genannt.
Ein erst geringes Maß an Kooperation gebe es aber bei der Durchführung öffentlichkeitswirksamer Vertriebs- oder Marketingaktivitäten. Auch eine "umfassende Vernetzung aller Akteure und Interessenten" ist nach Ansicht der Autoren noch nicht in Sicht. Es sei zwar eine "Reihe von Verbänden und Netzwerken mit unterschiedlicher Ausrichtung" auszumachen gewesen. Viele dieser Organisationen hätten ihren Schwerpunkt auf der Unterstützung bestimmter Produktgruppen oder bestimmter Standards.
Die Untersuchungsergebnisse zeigen laut Martin Fornefeld von MICUS deutlich, dass die Berliner Open-Source-Branche immer noch gegen "klassische Hemmnisse" kämpft. Dazu würden die Akteure vor allem politische Einflüsse, anhaltende allgemeine Vorurteile und ungleiche Wettbewerbsbedingungen mit proprietären Anwendungen zählen. Fehlende Geschäftsmodelle, mangelndes Fachpersonal und ungeklärte Rechtsfragen seien dagegen deutlich weniger oft genannt worden.
Insgesamt bescheinigt Fornefeld der Open-Source-Hauptstadtregion ein "deutliches Potenzial als Verwaltungsschwerpunkt" mit einer Vielzahl möglicher Nutzer. Bislang hebe sich Berlin aber noch nicht von anderen vergleichbaren Standorten ab. Andere Städte wie Stuttgart mit einem eigenen Open-Source-Lösungspark im Umfeld von IBM, HP, Alcatel Lucent und Red Hat sowie Nürnberg mit dem Forschungsschwerpunkt "Embedded Systems" und der Open Source Business Foundation, die sich zu einem nationalen Dachverband entwickle, hätten sich da besser und öffentlichkeitswirksamer aufgestellt. Auch Paris werde mit dem Fokus Web-Technologien stärker als Open-Source-Region wahrgenommen.
Die Berliner Branche sollte ihren Schwerpunkt laut Fornefeld so deutlicher auf den gesamten öffentlichen Sektor einschließlich Museen, Verbänden und Forschungseinrichtungen legen. Die Nachfrageseite würde noch nicht immer "als Motor wahrgenommen", kritisierte der Forscher unterschwellig den langen Streit um eine Open-Source-Strategie des Senats und der Bezirke. Dort brauche es mehr "Missionare und Mitspieler". Der Wunsch bei Behörden und Firmen, die Abhängigkeit von einzelnen Software-Anbietern zu verringern und somit der "Zug zu Open Source" sei aber groß.
Dazu kommt gemäß dem Analysten der große Vorteil, dass die Wertschöpfung in der Region bleibe und die Software in den Besitz des Anwenders übergehe. Mit der reinen Frage der Kosteneinsparung könne man generell nur bei kleinen Unternehmen oder Einrichtungen punkten, nicht bei komplexen Organisationen im öffentlichen Sektor. Die Vertriebspraktiken und die Vernetzung für die Bewältigung entsprechend "großer Lose bei Ausschreibungen" bezeichnete Fornefeld in Berlin als mangelhaft. Es fehle an konkreten Arbeitsgruppen mit klar abgesteckten Aufträgen, um das Thema nach vorne zu bringen. Empfehlenswert sei etwa die Durchführung von mehr "BarCamps" und "Open-Space-Veranstaltungen", um die Akteure stärker zusammenzuführen. Teilnehmer einer Diskussionsrunde am gestrigen Mittwochabend zur Vorstellung der Studie in Berlin zeigten sich aber skeptisch, ob eine "Graswurzelbewegung" ausreiche. Es fehle am politischen Willen und einer Strategie der Wirtschaftsförderung für den Durchbruch der Region. (Stefan Krempl) / (vbr)