Junkspace

Auch Shopping und Marketing mĂĽssen mit Geheimdienstmethoden arbeiten. Und die Kunden und ihre BedĂĽrfnisse aushorchen bis in tiefste Tiefen.

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Von
  • Peter Glaser

Auch Shopping und Marketing mĂĽssen mit Geheimdienstmethoden arbeiten. Und die Kunden und ihre BedĂĽrfnisse aushorchen bis in tiefste Tiefen.

"Epicenter", der Name der Prada-Superboutique in New York, ist Programm. Das von dem niederländischen Star-Architekten Rem Kohlhaas inszenierte Einkaufs-Environment ist ein gutes Beispiel dafür, wohin "magische" Technik uns führen wird. Die gläsernen Türen der Umkleidekabinen bestehen aus sogenanntem Privacy Glass, sie werden auf Knopfdruck undurchsichtig. Rundumkameras zeigen von allen Seiten, wie man in dem Kleidungsstück aussieht, das man gerade anprobiert hat. Dann läuft ein Supermodel damit über einen Bildschirm.

Kohlhaas gehört zu den Spitzenarchitekten, für die ein frivoler Reiz darin liegt, ein Klamottengeschäft in eine höhere Sphäre zu transformieren. Shopping ist für ihn die zentrale Aktivität des öffentlichen Lebens im 21. Jahrhundert. Städtebaulich hat man das völlig vernachlässigt, das Resultat ist rund um die Welt zu besichtigen: hässliche Shopping-Areale, bunkerhafte Einkaufszentren, "Junkspace". Wie Sauerstoff ist das Einkaufen überall eingedrungen. Es ist zum Synonym dessen geworden, was wir unter einer Stadt verstehen. Aber die Attraktionen sind kurzlebig. Das Shopping muss kontinuierlich neu erfunden und neu gestaltet werden, um auch noch auf die subtilsten gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren. Shopping und Marketing müssen mit Geheimdienstmethoden arbeiten und die Kunden und ihre Bedürfnisse aushorchen bis in tiefste Tiefen.

Design gestaltet in zunehmendem Maß nicht mehr nur Alltagsdinge, sondern den Alltag selbst. Weltdesign – vom Molecular Modeling, wo aus einzelnen Atomen winzigste Maschinen oder Medikamente gebaut werden, bis hin zu landschaftsumspannenden Themenwelten. Dem Begriff der Umweltzerstörung wird Umwelterzeugung positiv entgegengesetzt. Immer ausgeprägteres Gesundheitsbewußtsein etwa führt zu einer zunehmenden "Versportung" der Städte mit funktionalen Grünzügen und Wellness-Infrastruktur.

Aus Landschaftsgärtnerei und der Ferienwelten aus der Retorte entwickeln sich die kontrollierten Umgebungen der Zukunft – von allem Wilden bereinigte Natur oder von Gefahren bereinigte Wildnis. Gefährliche Regionen mit aggressiven Bestien, Kämpfern und sonstigen Wesen, die einem ans Leder wollen, verlagern sich zusehends ins Virtuelle. Diese dritte Natur ist von wachsender Vielfalt. Eis-Hotels, Untersee-Lodges und superkitschige Liebeshotels sind nur der Anfang. Auch den fiktiven Welten wird längst mehr abverlangt als nur aus ein paar texturbeklebten Häuschen in Second Life zu bestehen. Neben Etabliertem wie Disneyworld oder den Center Parcs findet sich Landschaftsgestaltung längst in jedem besseren Auto-Showroom.

Und auch hier nähern sich die Lebenswelten dem magischen Prinzip des Jetzt-sofort-alles. Was im Online-Shopping die Aufhebung der Ladenschlusszeiten, ist in den Themenwelten die Unabhängigkeit von Wetter und Jahreszeiten. Ein positives Lebensgefühl wird sich aus den künftigen Realitätsinnovationen aber nur entwickeln, wenn der Mensch souverän bleiben kann. Wenn uns die Technik bestärkt in dem Gefühl, frei zu sein. Und nicht verkauft. (bsc)