Verriss des Monats: Die radionische Wunschmaschine
Wenn man etwas möchte, ist es doch nützlich, eine Maschine zu haben, die einem diesen Wunsch erfüllt, dachte sich ein amerikanischer Erfinder. Jetzt haben wir die Bescherung.
- Peter Glaser
Wenn man etwas möchte, ist es doch nützlich, eine Maschine zu haben, die einem diesen Wunsch erfüllt, dachte sich ein amerikanischer Erfinder. Jetzt haben wir die Bescherung.
Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.
Joshua P. Warren hat eine Wunschmaschine erfunden, die physikalische Wunschmaschine, um genau zu sein. Warren ist gern gehörter Gast in der amerikanischen Nachtradioshow "Coast to Coast" und gefragter Referent, etwa auf dem "International UFO Congress" in Nevada oder der "SCCS Conference on Cryptozoology". Eine Wunschmaschine jedenfalls ist eine ganz wunderbare Sache. Man wünscht etwas in Richtung auf die Maschine, die zuvor mit den Drehreglern an ihrer Vorderseite auf den jeweils speziellen Wunsch feingetuned wurde. Also, man wünscht sich etwas und die Maschine regelt das, das heißt, ich regle das an der Maschine, jedenfalls wünscht man sich etwas, und der Wunsch geht in Erfüllung. Warren garantiert, dass das geht.
Man kann seine ernsthaften Bemühungen um technisch solides maschinengestütztes Wünschen hier anhand des experimentellen "Spectralizers" sehen. Das Gerät ("Wir produzieren nur in seltenen Fällen für aufrichtigen Kunden") erinnert an die Sicherheitsversion eines elektrifizierten Irokesenschnitts, in Schwarz für elegante Abendanlässe, und dient der Verstärkung paranormaler Phänomene. Warren deutet an, es könne auch dazu verwendet werden, paranormale Aktivitäten zu stoppen. Das wäre wunderbar. Aber das, so Warren, "ist alles noch sehr experimentell."
Um wieder auf die physikalische Wunschmaschine zurückzukommen: Sie kostet 195 Dollar (etwa 140 Euro), immerhin bekommt man dafür Handarbeit, ein mit neun Drehreglern versehenes Kistchen, auf dem sich jeweils noch ein graues und ein kupferfarbenes Quadrat befinden, auf die man drauffassen kann. Ein solches Gerät nennt man auch Radionik-Box. Zwar ist die Radionik umstritten, sie kann aber auf jeden Fall dazu verwendet werden, sich zu wünschen, dass es nicht so wäre. Es gibt, sagt Warren, auch "eine wissenschaftliche Grundlage hinter der Box".
Bekanntlich haben Gedanken körperliche Auswirkungen, und mit dieser Box "kann man seine Gedanken gezielt abstimmen, um Veränderungen in der Welt zu erreichen." Was auch immer man "auf dramatische Weise verbessern möchte", die persönlichen Finanzen, die Gesundheit oder seine persönlichen Beziehungen, mit der Radionik hat es bereits vor einem Jahrhundert ein mächtiges Experimentierwerkzeug gefunden. Man setzt sich ein Wunschziel, bewerkstelligt mit den neun Knöpfen die Feinregelung der Leib-Seele-Umwelt-Beziehung, "und erstaunliche Dinge können sich zeigen – quasi alles, was Sie auswählen." Viele halten das, so Warren, für "zeitgemäße Magie" oder Technoschamanismus. Manche halten es für kompletten Quatsch. Die Maschine muss jedenfalls mit Bedacht benutzt werden.
Begründet wurde die Radionik Anfang der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts von dem amerikanischen Pathologen Albert Abrams. "Radionik" heißt es, weil die Lehre auf der Annahme basiert, dass der menschliche Organismus auf Radiowellen reagiert und sich diesen Radiowellen gewisse "Heilinformationen" aufmodulieren lassen. 1922 besuchte der Schriftsteller Upton Sinclair die Klinik von Abrams und schrieb darüber in "Pearson's Magazine", einer auf spekulative Literatur geeichten Zeitschrift, einen später auch auf Deutsch veröffentlichten "Bericht über Dr. Albert Abrams revolutionierende Entdeckung: die Feststellung der Diagnose vermittels der Radioaktivität des Blutes."
Radioaktivität wurde zu der Zeit als etwas gänzlich anderes angesehen als heute. Die neuartige Strahlung galt als Zeichen von Vitalität und, naja, von Strahlkraft. So erschien etwa im November 1918 in der New York Tribune diese Anzeige für mit Radium versetzte Kosmetikartikel der britischen Firma Radior. Neben radioaktiven Medikamenten und Hautcremes waren allerlei strahlende Produkte beliebt, bis dann zu Beginn der Dreissigerjahre langsam offenbar wurde, dass Radioaktivität fatale Auswirkungen auf den menschlichen Organismus hat.
Das einzig harmlose Mittelchen aus der gruseligen Galerie dürfte die homöopathische Uran-Tinktur gewesen sein – womit wir wieder bei der – heutzutage computerisiert arbeitenden – radionischen Gerätschaft angelangt sind. Sie besteht aus einer schlichten Antenne, die an einen Computer angeschlossen werden kann und über eine Speichelprobe "das Energiefeld" des Patienten erfasst. Spezielle Software ermittelt daraus die "Heilungsinformationen", die wiederum über die Antenne emittiert werden. Dergestalt können sie angeblich nicht nur auf Menschen, sondern beispielsweise auch auf Zuckerkügelchen übertragen und als homöopathische Präparate angesehen werden.
Nun täuscht sich aber, wer meint, dass es sich bei Homöopathie bereits um das sozusagen reduzierteste Verfahren handelt (in homöopathischen Vielfachverdünnungen ist manchmal kein einziges Molekül der Ursprungslösung mehr vorhanden). Mittlerweile existiert nämlich auch rein softwarebasierte Radionik, die davon ausgeht, dass Computer ohne jede zusätzliche Hardware von den organischen "Energiefeldern" beeinflusst werden und diese Felder auch ihrerseits manipulieren könnten. Da schwache elektromagnetische Felder Rechner aber nicht tangieren, jedenfalls nicht aus herkömmlicher physikalischer Sicht, kann man auch Computer insgesamt weglassen. So ist Joshua Warrens Wunschmaschine auch eine Blackbox. Außen die neun Drehregler, innen die Hoffnung, dass irgend etwas passiert, wenn man nur deutlich genug hineinwünscht in das Aggregat.
Europäer machen sowas ohne Schachteln mit Drehreglern. In einem Buch des französischen Philosophen Gilles Deleuze und des Psychoanalytikers Félix Guattari tauchte 1972 zum ersten Mal der Begriff "Wunschmaschine" auf, mit dem unbewusste Vorgänge bezeichnet werden, die sich durch keinen noch so komplexen Algorithmus modellieren lassen. "Die Wunschmaschinen stecken nicht in unserem Kopf", schreiben die beiden Autoren, "sondern existieren in den technischen und gesellschaftlichen Maschinen selbst". Warren würde wohl auch wünschen, dass es so ist. ()