Der Anästhesist aus dem Computer

US-Wissenschaftler arbeiten an einem Verfahren, bei dem eine Software den Narkoseprozess im Krankenhaus steuert. Das soll Ärzte entlasten und die Anästhesie sicherer machen.

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Von
  • Susan Young

US-Wissenschaftler arbeiten an einem Verfahren, bei dem eine Software den Narkoseprozess im Krankenhaus steuert. Das soll Ärzte entlasten und die Anästhesie sicherer machen.

Ein automatisiertes Anästhesiesystem, das die Gehirnaktivitäten mittels Elektroenzephalographie (EEG) auswertet, soll Menschen nach schweren Verletzungen oder Hirnschwellungen sicherer im künstlichen Koma belassen, als dies Ärzte und Schwestern könnten.

Anästhesisten verwenden schon jetzt EEG-Schläfensensoren, um den Narkoseprozess zu überwachen. Dabei muss die Gehirnaktivität regelmäßig überprüft und die Gabe des Anästhetikums gegebenenfalls angepasst werden, was bei einem künstlichen Koma rund um die Uhr und manchmal über Tage hinweg notwendig ist.

Emery Brown, Neurowissenschaftler am MIT und selbst Anästhesist am Massachusetts General Hospital, glaubt, dass das von ihm entwickelte, computergesteuerte Anästhesiesystem hier deutlich sicherer wäre. In einer Studie konnte er zusammen mit Kollegen die Technik bereits an Ratten demonstrieren.

In den letzten Jahren halfen Methoden wie EEG oder die Kernspintomographie dabei, die verschiedenen Bewusstseinszustände des Gehirns auch unter Narkose zu analysieren. Martin Monti, kognitiver Psychologe an der University of California in Los Angeles, meint, dass solche Untersuchungen grundlegende Fragen beantworten könnten – etwa, was Wachheit wirklich bedeutet. Untersucht wird auch, ob der Verlust des Bewusstseins nach schweren Verletzungen mit Narkosezuständen oder dem Schlaf vergleichbar ist.

Browns Gruppe arbeitet seit längerem daran, die Anästhesie sicherer und effektiver zu machen. Die Gehirnaktivitätsmuster, die Ärzte überwachen, um das künstliche Koma aufrechtzuerhalten, seien genau definiert und von einem Computer feststellbar. Tatsächlich sei eine Software genauer als das menschliche Auge, wenn es darum geht, zu erkennen, ob das Aktivitätsmuster eines Patienten vom Idealbild abweicht. Ein automatisiertes System könnte so jeweils die genau richtige Dosis eines Anästhetikum geben.

Die Technik könnte eines Tages auch im Operationssaal Verwendung finden, hofft Brown. Auch hier seien die EEG-Parameter wohl bekannt. Andere Forschergruppen arbeiten an ähnlichen Ideen wie der MIT-Forscher. Johnson & Johnson hat mit Sedasys ein Gerät entwickelt, das die lokale Betäubung bei Darmkrebs-Screenings automatisieren soll. Es ist in den USA bereits zugelassen und soll Anfang 2014 in den Handel gelangen.

Mark Newman, Anästhesist an der Duke University, glaubt, dass solche Systeme im Krankenhausbetrieb hilfreich sein könnten. Allerdings gibt er zu bedenken, dass das Monitoring eines Menschen im künstlichen Koma aus viel mehr besteht als nur dem Blick auf die EEG-Werte. Herz- und Nierenaktivitäten müssten ebenfalls beobachtet werden. Eine vollständige Automatisierung des Prozesses sei daher derzeit noch nicht denkbar. (bsc)