"In der Leere steckt eine unglaubliche Kraft"

Otto von Guericke ist der Erfinder der berĂĽhmten Magdeburger Halbkugeln und Deutschlands erster Experimentalphysiker, fĂĽr den das Leere nicht leer war.

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  • Sandra Hohlfeld

Otto von Guericke ist der Erfinder der berĂĽhmten Magdeburger Halbkugeln und Deutschlands erster Experimentalphysiker, fĂĽr den das Leere nicht leer war.

Otto von Guericke wurde am 20. November 1602 in Magdeburg geboren. Ab 1623 Studium in Leiden. 1648 endet der Dreißigjährige Krieg endet, Magdeburg ist verwüstet. 1642 wird Guericke zum Gesandten ernannt. 1645: Seine Frau stirbt. Um 1649: Entwicklungen zur Vakuumluftpumpe beginnen. Drei Jahre später heiratet Guericke wieder. 1654 erfolgt der Versuch der Magdeburger Halbkugeln. 1666: Erhebung in den Adelsstand. Sechs Jahre später erscheint sein Buch "Neue, sogenannte Magdeburger Versuche, über den leeren Raum". 1681 zieht er nach Hamburg. 11. Mai 1686: Otti von Guericke stirbt.

Technology Review: Herr von Guericke, Sie gelten neben Galileo Galilei als einer der großen Naturwissenschaftler dieser Zeit. Und Sie glauben ernsthaft an Einhörner? Ist das nicht Aberglaube?

Otto von Guericke: Wir sind bei einer Ausgrabung auf einen Fund von Knochen, darunter ein langgestrecktes Horn samt Schädel, Rippchen und Beinknochen, gestoßen, anhand derer ich das alte Wesen nachbauen werde. In meinem Buch will ich es zudem genau beschreiben, obwohl es nicht zu meinem Spezialgebiet gehört.

TR: Eigentlich sind Sie mehr für Ihre Maschinen bekannt. Ich hörte, Ihre neueste Konstruktion sei eine Kugel mit merkwürdigen Eigenschaften.

Guericke: Stimmt. Sehen Sie hier, meine Schwefelkugel! Sie sitzt drehbar auf einer Eisenachse wie ein Globus. Wenn ich die Kugel reibe, zieht sie leichte und nahegelegene Dinge an. Diese Anziehungskraft weise ich auch unserem Planeten zu. Aber das Beste kommt noch.

TR: Warum löschen Sie jetzt das Licht und reiben an der Kugel...?

Guericke: Sehen Sie doch! Die Kugel sprüht Funken, wie gestoßener Zucker, pflege ich zu sagen. In der Kugel wohnt eine leuchtende Kraft. Und jetzt hören Sie mal! Wenn die Kugel trocken ist und ich sie in meine Hand nehme, dann vernimmt man ein Knistern. Das ist die tönende Kraft der Kugel.

TR: Und Sie meinen, so kann man sich unser Planetensystem erklären?

Guericke: Genau damit beschäftige ich mich. Welche Natur hat der Raum zwischen den Planeten? Ist er von wirbelndem Äther erfüllt, wie die Philosophen sagen? Oder ist dort nur Leere? Schon früh stieg in mir das brennende Verlangen auf, die Wahrheit dieser umstrittenen Sache zu ergründen. Ich beschloss, Versuche dazu anzustellen.

TR: Was haben Sie denn fĂĽr Versuche angestellt?

Guericke: Ich nahm mir ein Beispiel an den Feuerspritzen. Das sind Pumpen, mit denen Brandleute aus Eimern Wasser herausbefördern. Ich konstruierte eine Pumpe, um Wasser und Luft aus geschlossenen Körpern herauszuziehen. Da ich ja auch Brauherr bin, versuchte ich zunächst, ein Bierfass auszupumpen.

TR: Hat das denn funktioniert?

Guericke: Nein. Denn Luft geht durch Holz durch. Aber zum Glück habe ich gute Kontakte zu den Handwerkern in meiner Heimatstadt Magdeburg. Sie fertigten mir Gefäße aus Glas und Kupfer. Mit ihnen wies ich nach, dass man durchaus die Luft aus einem Gefäß entfernen kann. Die Natur hegt also keineswegs Abscheu vor dem Leeren, wie lange vermutet wurde.

TR: Jetzt verwirren Sie mich. Bitte, was ist die Abscheu vor dem Leeren?

Guericke: Horror vacui sagen die Gelehrten auf Latein. Die Theorie, meine Gute, besagt Folgendes: Wird die Luft zwischen zwei Gegenständen weggenommen, beispielsweise zwischen zwei Glasflächen, nähern sich die beiden einander an, bis sie sich berühren. Ich aber habe gezeigt, dass dies nicht der Fall ist. Die Leere existiert.

TR: Und ihr soll eine gewaltige Kraft innewohnen, hörte ich.

Guericke: Ich ließ zwei Kupferkugelhälften aufeinanderlegen und die Luft aus der geschlossenen Kugel pumpen. 16 Pferde, acht auf jeder Seite, konnten die Hälften nicht auseinanderziehen. Ich habe zuvor genaue Berechnungen angestellt, wie viel Kraft dazu nötig wäre – und recht behalten. Wenn Sie das leere Gefäß öffnen, strömt Luft hinein mit solcher Gewalt, dass sie einen Mann mitreißt.

TR: Es mangelt Ihnen nicht an Erfindungsreichtum. Die unterschiedlichen Druckverhältnisse nutzen Sie auch für Ihre Hebemaschine?

Guericke: Ich habe meine Versuche im leeren Raum abgewandelt. Der Hebeversuch geht so: Auf der einen Seite hängen Gewichte an einem Seil. Das Seil führt über Rollen, die oben an einer Art Galgen angebracht sind. Das andere Seilende befestige ich an einem Kolben.

TR: Klingt kompliziert.

Guericke: Ich war noch nicht fertig. Der Kolben sitzt beweglich in einem Hohlzylinder. An dem Zylinderboden befestige ich ein luftleeres Gefäß, das mit einem Schieber vom Zylinder abgetrennt ist. Ziehe ich diese Trennung heraus, strömt die Luft aus dem Zylinder in das Vakuum des Gefäßes. Weil der Luftdruck dadurch innen niedriger ist als außen, sinkt der Kolben in den Zylinder. Das am Kolben befestigte Seil wird mitgezogen und hebt die Gewichte am anderen Ende.

TR: Und was bringt mir das?

Guericke: Ein halbwüchsiger Knabe könnte mithilfe dieser Maschine massive Gewichte bewegen. Das ist Wahnsinn! Alle sind hinter einer solchen Erfindung her.

Ein Bote kommt ins Zimmer: "Herr BĂĽrgermeister von Guericke, der Stadtrat verlangt nach Ihnen. Es ist dringlich. Sie mĂĽssen zu neuen Verhandlungen aufbrechen!"

TR: Wie kommt ein Brauherr ins BĂĽrgermeisteramt?

Guericke: Nun, wir sind eine alte Patrizierfamilie mit Besitz und Land. Deswegen legte mein Vater großen Wert auf eine sehr gute Bildung. Ich studierte die Rechtswissenschaften und wurde an der Universität zu Leiden in Holland Ingenieur.

TR: Und als Politiker sind Sie ständig unterwegs. Wie schaffen Sie das alles?

Guericke: Ach, manchmal frage ich mich das selbst. Ich habe Magdeburg nach dem 30 Jahre langen Krieg wieder aufgebaut. Ich war in Dresden, Osnabrück, Wien, habe in Prag und Regensburg für die Sache meiner Mitbürger gestritten. Hab um die Unabhängigkeit verhandelt und diskutiert, bin bis zum Kaiser selbst gezogen. Keine Sorgen und Mühen habe ich gespart, mein Privatwesen versäumt und viel mehr Schaden erlitten als Freiheit gewonnen. Nur die Zeit, die ich auf Audienzen wartete, widmete ich den Versuchen.

TR: KnĂĽpften Sie auf den Reisen nicht gute Kontakte?

Guericke: Ach ja, mir sind einige Schriften in die Hand gelangt, und ich konnte einige Beziehungen knĂĽpfen. Doch all dies Herumgereise ist sehr beschwerlich. Von Guericke steht auf, geht zur TĂĽr. Und was ist der Dank? ErlieĂź die Stadt mir die geforderten Abgaben? Ach, sollen die Pfennigfuchser doch im luftleeren Raum ersticken! Ich sage Ihnen, lange werde ich das nicht mehr mitmachen. Ich werde nach Hamburg ziehen, zu meinem Sohn.

TR: Herr von Guericke, so warten Sie! Noch eine Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Experimente und nicht wie üblich den reinen Verstand als Beweis anzuführen? Die Tür fällt zu. Schritte entfernen sich. Nun ist er gegangen. Vielen Dank, Herr von Guericke! ()