Die Klo-Revoluzzer

Forscher arbeiten an der Neuerfindung der Toilette.

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Von
  • Christoph Seidler
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Forscher arbeiten an der Neuerfindung der Toilette.

Es ist nur ein Detail, doch es bringt den Hightech-Lokus gehörig aus dem Konzept. Weil der großmäulige Ingenieur Howard Wolowitz einen "winzig kleinen Fehler" beim Design des "Luft-Umleitventils" gemacht hat, steht das "Schwerelosigkeits-Notdurft-Entsorgungssystem" auf der Internationalen Raumstation kurz davor, den Dienst zu quittieren – jedenfalls in einer Episode der Nerd-Comedy "The Big Bang Theory". Dabei sollten ihm eigentlich selbst Reste russischer Kosmonautennahrung nichts anhaben können: "Das Ding", so Wolowitz, "muss den Überresten einer herzhaften Kartoffelkost standhalten." Doch nun droht die Weltraum-Toilette den Außenposten im All mit stinkenden Fäkalien zu fluten.

Ähnliches ist Michael Hoffmann zum Glück noch nicht passiert. Dabei hat er selbst früher an einem Sanitärsystem für das Space Shuttle gearbeitet – und werkelt jetzt an einem Gerät, das kaum anders aussieht als das Raumfahrt-Klosett aus der Fernsehserie. Zu Testzwecken jagt der Forscher vom California Institute of Technology in Pasadena ein glitschiges Gemisch aus Sojabohnen und Reis durch die Rohre. "Ich verwende das Beispiel aus 'The Big Bang Theory' manchmal in Vorträgen, um Leuten zu erklären, was alles beim Bau eines Prototyps schiefgehen kann", witzelt Hoffmann.

Der Forscher und seine Studenten wollen mit ihrer Erfindung eine neue Ära der Hygienegeschichte einläuten – allerdings nicht im All, sondern auf der Erde. Denn was zunächst zweideutige Witzeleien provoziert, muss ein drängendes Problem lösen: Weltweit haben mehr Menschen ein Mobiltelefon als eine Toilette. 2,5 Milliarden Bürger leben ohne angemessene Sanitäranlagen – 1,1 Milliarden von ihnen müssen sich im Freien erleichtern. Zwar haben sich die Vereinten Nationen im Rahmen ihrer Millennium-Entwicklungsziele bis zum Jahr 2015 vorgenommen, das zu ändern. Doch die Organisation musste eingestehen, dass der Kampf zuletzt nur langsam vorangekommen ist.

Michael Hoffmanns Strategie setzt auf Hightech: Solarpaneele auf dem Dach seiner Toilette sammeln Energie für einen elektrochemischen Reaktor. In ihm durchläuft der flüssige Teil der Ausscheidungen eine Elektrolyse-Reaktion: Die organischen Verbindungen werden dabei an nanobeschichteten Titanoxid-Elektroden oxidiert und damit unschädlich gemacht. Außerdem entsteht an den Edelstahl-Kathoden des Reaktors Wasserstoffgas – mit dem wiederum eine Brennstoffzelle angetrieben wird. So kann das Aggregat auch bei fehlendem Sonnenlicht arbeiten.

Gespült wird die Toilette mit dem gesäuberten Urin ihrer früheren Benutzer. Die festen Überreste sollen als Dünger dienen. Das Team will erste Prototypen in diesem Jahr in den Slums der indischen Metropole Neu Delhi testen. Bei einem Wettbewerb der Bill & Melinda Gates Foundation gewann Hoffmann mit seiner Idee im vergangenen August den mit 100.000 Dollar dotierten Hauptpreis.

Der Microsoft-Gründer und seine Frau fördern die Entwicklung von neuen Toiletten für arme Regionen mit Millionenaufwand – und hatten die Elite der Klo-Revoluzzer für zwei Tage zum Sitz der Stiftung in Seattle eingeladen. Denn wo sanitäre Einrichtungen fehlen, sind Gesundheitsprobleme wie etwa Durchfallerkrankungen beinahe programmiert. Dadurch sterben nach Auskunft der Stiftung jedes Jahr weltweit rund 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren.

Jeder Dollar, der in die Verbesserung der sanitären Situation in Entwicklungsländern fließt, bedeutet demgegenüber bis zu neun Dollar an volkswirtschaftlichem Gewinn – weil Gesundheitskosten sinken und die Lebenserwartung steigt. So jedenfalls eine Rechnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Gates und seine Leute gern zitieren.

Das Wasserklosett vieler Industrieländer kann das Toilettenproblem in Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen nicht lösen – weil dort das Wasser oft knapp und die nötige Kanalisation nebst Klärwerken viel zu teuer wäre. "Es braucht weit mehr als das Ding, auf dem Sie sitzen", sagt Forscher Hoffmann.

Die Frage ist jedoch: Löst Hightech wirklich das Problem? Wie gründlich man mit aufwendigen Ansätzen am Ziel vorbeischießen kann, zeigte sich in den neunziger Jahren in Indien. Die Regierung ließ beinahe zehn Millionen neue Latrinen bauen – und musste dann mit ansehen, dass kaum jemand die Häuschen nutzte. Stattdessen verwandelten viele Menschen sie in zusätzliche Zimmer oder Tempelschreine. Das Geschäft wurde weiterhin draußen verrichtet.