Ein Liter Licht
Wasserflaschen können Billiglampen sein.
- Jens Lubbadeh
Wasserflaschen können Billiglampen sein.
Es gibt viele gute Ideen, aber nur wenige sind so einfach und so überzeugend, dass sie einfach nicht aufzuhalten sind. So eine hatte Alfredo Moser, als er sich wieder einmal ärgerte. Der Mechaniker wollte arbeiten, aber weil schon wieder der Strom ausgefallen war, konnte er es nicht. In São Paulo keine Seltenheit. Also ließ er sich etwas einfallen. Er bohrte ein Loch in das Wellblechdach seiner Werkstatt, aber der Lichtstrahl war zu fokussiert. Auch mehrere Löcher konnten das Problem nicht lösen.
Moser nahm eine alte Plastikflasche, füllte sie mit Wasser, noch ein Schuss Bleichmittel hinein, damit keine Algen darin wuchsen. Dann steckte er sie in das Loch im Dach, sodass sie halb herausschaute, halb in die Werkstatt ragte. Das Sonnenlicht brach sich im Wasser und streute in alle Richtungen. Die Flasche leuchtete so hell wie eine 55-Watt-Glühbirne. Moser hatte gerade die einfachste Lampe der Welt erfunden – und die billigste. Das war im Jahr 2002. Nachbarn waren beeindruckt und taten es ihm nach, aber noch leuchtete die Flasche nicht über Brasilien hinaus.
Erst beinahe zehn Jahre später, im Jahr 2011, schafft sie den Sprung über den Pazifik, als der MIT-Absolvent Illac Diaz nach einer Lösung sucht, um Wellblechhütten in den Slums von Manila mit günstiger Beleuchtung auszustatten. Diaz hat am MIT das Flaschenlicht Mosers kennengelernt. Er gründet die Organisation My-Shelter, die bis heute 15000 Flaschenlichter in 20 Städten in den Philippinen verteilt hat. Von da an begann der weltweite Siegeszug des Flaschenlichts. Denn ob São Paulo, Manila, Nairobi oder Mumbai – das Problem ist überall das gleiche: Billige Wellblechhütten haben keine Fenster.
Will man Licht, braucht es Elektrizität. Sie jedoch haben viele arme Menschen nicht, weil sie entweder weit abseits des Netzes leben oder sich den Strom schlicht nicht leisten können. Ein Flaschenlicht spart sechs Dollar Stromkosten im Monat, hat die UNFCCC errechnet. Geld, das man für Essen ausgeben und das Leben retten kann. Unter dem Namen „A Liter of Light“ will die MyShelter Foundation bis 2015 eine Million Flaschen auf der ganzen Welt zum Leuchten bringen. (jlu)