Hollywoods Propheten

Science-Fiction-Klassiker gelten als Propheten des technologischen Wandels. Dabei läuft es meist genau andersherum: Die Ideen gelangen von den Labors in die Studios.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Christoph Seidler

Science-Fiction-Klassiker gelten als Propheten des technologischen Wandels. Dabei läuft es meist genau andersherum: Die Ideen gelangen von den Labors in die Studios.

Details mag Peter Engelmann kaum verraten. Denn noch existiert "Flight Director" vor allem in seinem Kopf. Doch eines Tages möchte der Chef der Berliner Filmfirma Endurance Entertainment die Geschichte der Astronauten-Anwärterin Carla Jager auf der Leinwand erzählen. Die hoffnungsvolle 27-Jährige vergeigt eines verhängnisvollen Tages im Jahr 2025 ihr Raumfahrer-Training – und muss sich mit einem Ersatzjob in der Flugkontrolle zufriedengeben. Dort dient sie den Kollegen im All als irdische Kontaktfrau.

Hals über Kopf muss Carla schließlich trotzdem in den Orbit starten – zu einer Rettungsmission. Dafür braucht die Dann-doch-Astronautin ein passendes Gefährt, laut Drehbuch ein wenig getesteter Prototyp. "Als Filmautor geht es mir um Stimmungen und Spannung. Da ist es erst einmal egal, was technisch möglich ist", sagt Engelmann. Über das Design des Raumschiffs hat er sich dennoch Gedanken gemacht: "Es soll anders aussehen, als man sich das normalerweise vorstellt."

Den Berliner treiben Fragen um, mit denen sich Filmschaffende schon seit der Erfindung des Mediums herumschlagen müssen: Wie lassen sich nicht existierende Technologien bildlich fassen? Wie schafft man es, dass der Zuschauer auch begreift, was er da auf der Leinwand sieht? Am besten sollen die Visionen als stilprägend in die Filmgeschichte eingehen – und nicht schon in ein paar Jahren lächerlich aussehen.

Was also ist das Gesicht der Zukunft? Das Lesen in der Glaskugel ist ein schwieriges Geschäft, wie manche Science-Fiction-Prognose der Vergangenheit zeigt. Schließlich fliegt heute niemand mit dem Raketenrucksack zur Arbeit oder düst wie in "Blade Runner" im fliegenden Auto durch die Häuserschluchten. Und das wird wohl auch nie jemand tun. Andererseits erscheinen andere Ideen beinahe prophetisch: So werkelten schon vor beinah einem halben Jahrhundert Raumfahrer in "2001: Odyssee im Weltraum" mit Tablet-Computern herum, später auch in "Star Trek – The Next Generation". Im Patentstreit zwischen Apple und Samsung um das Design des iPads führten die Südkoreaner die Filme im Jahr 2011 vor Gericht als Beweismittel an. Stanley Kubrick, so das Argument, habe das iPad erfunden – und nicht Steve Jobs. "2001" zeigt übrigens auch Videotelefonie, die wir mittlerweile dank Skype oder Facetime ebenfalls nutzen.

In "Aliens – Die Rückkehr" kämpft die Offizierin Ellen Ripley in einem Kampfanzug mit Exoskelett gegen die Alienkönigin. Der Rüstungskonzern Lockheed Martin bietet eine ähnliche Technologie ("Human Universal Load Carrier") mittlerweile für US-Soldaten im Kampfeinsatz an – allerdings hier zum Transport, um bis zu 100 Kilogramm schwere Lasten auch durch unwegsames Gelände zu tragen. In "Minority Report" manövriert sich Polizist John Anderton per Gestensteuerung durch virtuelle Aktenberge. Zehn Jahre nach Veröffentlichung des Films bieten moderne Mobiltelefone wie das Samsung Galaxy S4 berührungsfreie Navigation an. In größerem Maßstab heißt die Technologie G-Speak – vermarktet von John Underkoffler, einem wissenschaftlichen Berater des Films.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Besitzen Science-Fiction-Regisseure also – trotz aller Fehltritte – eben doch prophetische Gaben? Keineswegs, meint der Amerikaner David Kirby. Er lehrt an der Universität im britischen Manchester Wissenschaftskommunikation und hat mit "Lab Coats in Hollywood" ein Buch über die Zusammenarbeit von Forschern und Regisseuren geschrieben. Darin zeigt er, dass viele Filmemacher bereits früh den Kontakt zur Wissenschaft suchen. Im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung fließen die Ideen nicht aus den Filmstudios in die Labors, sondern genau andersherum. Für die wissenschaftlich korrekte Ausgestaltung von "Minority Report" hatte Regisseur Steven Spielberg eigens einen Ideen-Gipfel mit 23 Experten einberufen, bevor überhaupt ein Filmskript existierte.

In den USA hat die National Academy of Sciences im Jahr 2008 den "Science & Entertainment Exchange" ins Leben gerufen, um solche Beratung auch für andere Filme zu ermöglichen. In Deutschland startete quasi zeitgleich ein Projekt namens MINTiFF an der TU Berlin. "Wir haben zahlreiche Anfragen von Autoren, die Ideen haben und nach beratenden Wissenschaftlern suchen", sagt Projektmitarbeiter Christoph Falkenroth.

Von der wissenschaftlichen Unterstützung erfahre der Zuschauer in den seltensten Fällen etwas, sagt David Kirby. So entstehe der Eindruck, Regisseure und Ausstatter hätten einen visionären Blick in die Zukunft. Doch in der Rückschau zeige sich: "Wenn Filmemacher tatsächlich einmal richtige Vorhersagen getroffen haben, dann hatten sie einen Wissenschaftler oder Ingenieur an Bord, der bereits an solchen Technologien arbeitete." Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel: Martin Cooper von Motorola entwickelte das erste Mobiltelefon nach dem Vorbild des Kommunikators, den er in "Star Trek" gesehen hatte.

Die beratenden Forscher, so weiß Kirby, können in den Filmen nicht nur für ein gewisses Maß an wissenschaftlicher Korrektheit sorgen, sondern auch gesellschaftliche Akzeptanz für ihre Projekte schaffen. Das war zum Beispiel bei Fritz Langs Stummfilm "Frau im Mond" von 1929 der Fall. Er zeigte den realistischen Start einer Rakete zum Erdtrabanten – Jahrzehnte bevor es tatsächlich so weit war, samt einem Fluggerät, das den späteren Exemplaren verblüffend ähnlich sah. Auch das war kein Zufall: Regisseur Lang ließ sich unter anderem vom Berliner Wissenschaftspublizisten Willy Ley und dem siebenbürgischen Raketenpionier Hermann Oberth beraten. Der hatte seit 1917 an dem Konzept einer Flüssiggasrakete gearbeitet. Fritz Lang unterstützte die Arbeiten von Oberth, der später in der NS-Raketenschmiede von Peenemünde weiterforschte, auch an der Großrakete "V2".

Filmemacher Peter Engelmann hat sich für sein "Flight Director"-Projekt übrigens ebenfalls mit Raumfahrtexperten getroffen. Durch ein MINTiFF-Stipendium lernte er am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) das Projekt "Shefex" kennen. Das "Sharp Edge Flight Experiment" soll preiswertere Technologien für den Hitzeschutz von Raumfahrzeugen bei der Rückkehr zur Erde entwickeln. Statt aus Tausenden verschiedenen Kacheln wie beim Space Shuttle besteht die neuartige Isolation nur aus wenigen unterschiedlichen Faserkeramik-Elementen. "Wir haben Herrn Engelmann alle Türen geöffnet", sagt DLR-Sprecher Andreas Schütz. "Im Drehbuch finden sich dadurch jetzt aktuelle Entwicklungen aus unserer Forschung wieder."

Bisher gibt es das Raumfahrzeug zwar nur im Kleinformat. Bei zwei Testflügen in den Jahren 2005 und 2012 hat "Shefex" aber zumindest bewiesen, dass das Konzept funktioniert. Und für Engelmann war es die ideale Vorlage für Carlas Raumschiff. (bsc)