Warum interessiert sich eigentlich Acer nicht für Blackberry?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Lenovo ein Auge auf Blackberry geworfen hatte. heise-resale-Kolumnist Damian Sicking fragt sich, ob Lenovo-Konkurrent Acer nicht noch ein größeres Interesse an dem notleidenden Smartphone-Hersteller haben müsste.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Acer-Gründer Stan Shih,

Acer-Gründer Stan Shih

(Bild: Acer)

zwei IT-Unternehmen sorgten in der vergangenen Woche für Diskussionen in der Branche. Nein Twitter meine ich nicht, denn Twitter ist ja kein IT-, sondern ein Medienunternehmen. Ich meine zum einen die Firma Blackberry (einmal mehr), und zum anderen den von Ihnen 1976 gegründeten Computerbauer Acer.

Zunächst zu Blackberry: Am Montag vergangener Woche verblüffte der notleidende Smartphone-Hersteller aus Kanada Freund und Feind mit einer fulminanten Kehrtwendung. Der vorher groß angekündigte Verkauf der Firma wurde abgeblasen und der Chef Thorsten Heins vor die Tür gesetzt. Jetzt will man mit einer Finanzspritze in Höhe von einer Milliarde Dollar und einem neuen Mann an der Spitze doch noch mal im Alleingang versuchen, die Kurve zu kriegen. Ich bin aber sicher, dass die korrekte Formulierung für diesen U-Turn heißen müsste "Verkauf VORERST abgeblasen“. Denn ich gehe jede Wette ein, dass man die Türen ganz schnell und ganz weit aufreißen würde, wenn jemand mit einem Koffer voller Dollars daherkäme und sagen würde: "I buy.“

Jetzt zu Acer, ebenfalls ein Unternehmen, welches gerade ein bisschen in den Seilen hängt. Auch bei Acer gibt es einen Wechsel an der Spitze. Die Zahlen im vergangenen dritten Quartal waren einmal mehr äußerst unbefriedigend, und auch schon das zweite Quartal war schlecht gelaufen. Jetzt kündigte Firmenchef J.T. Wang seinen Rücktritt an. Bis Wangs Nachfolger Jim Wong Anfang des Jahres übernimmt, kümmern Sie sich um den Übergang, wie es heißt. In der englischsprachigen Mitteilung zu diesem Managementwechsel heißt es wörtlich: “Acer Chairman and CEO J.T. Wang Tenders Resignation.” "Resignation“ (deutsch), treffender hätte man es vermutlich nicht sagen können; Wang hat einfach resigniert, weil er kein Rezept gefunden hat, wie er das Unternehmen aus der nun schon zwei Jahre dauernden Krise führen kann. Warum Wang aber noch bis Ende dieses Jahres im Amt bleibt und der Wechsel nicht sofort vollzogen wird, ist eine Frage, die wohl nur Sie und das Acer-Board beantworten können, lieber Herr Shih.

Lieber Herr Shih, zwei Firmen, Acer und Blackberry, die beide in Schwierigkeiten stecken, weil sie wichtige Marktentwicklungen versäumt haben. So, und jetzt mal ein ganz verrückter Gedanke: Wie wäre es, wenn sich Acer und Blackberry zusammenschlössen? Wäre das so dumm? Ich glaube nicht.

Acers Problem liegt natürlich zum großen Teil in dem sich rapide verschlechternden PC-Markt. Der weltweite Absatz bricht ein. Nach Angaben der Marktforscher von Gartner sinkt die Zahl der weltweit verkauften PCs und Notebooks in diesem Jahr auf 303,1 Millionen Stück. Im vergangenen Jahr waren es noch fast 40 Millionen Geräte mehr. Für 2014 sagen die Auguren einen weiteren Rückgang auf nur noch 281,6 Millionen voraus. Acer verliert überproportional. Allein im dritten Quartal lag der Absatzeinbruch bei - 34 Prozent. Die Leute wollen statt PCs und Notebooks lieber Tablets und Smartphones. Hier ist Acer aber nicht wirklich konkurrenzfähig. Acer hat zwar auch Smartphones im Angebot, aber das ist nicht viel. Und ich habe auch noch nie jemandem mit einem Acer-Smartphone gesehen. Auch bei Tablet-PCs gehört Acer nicht zu den führenden Anbietern. Allerdings ist das Potenzial, in diesem Segment aufzuholen, deutlich höher als im Bereich Smartphone.

Und genau hier kommt Blackberry ins Spiel. Blackberry hat das, was Acer gut brauchen kann. Vor allem natürlich eine hohe Expertise im Bereich Smartphones, eine noch immer riesige installierte Basis und vielfältige Kontakte zu den Telefonfirmen rund um den Globus. Aber auch umgekehrt ist richtig: Acer hat, was Blackberry braucht. Das sind vor allem Geld und Power.

Gut, die kanadische Regierung hat Medienberichten zufolge eine Übernahme von Blackberry durch den chinesischen Acer-Konkurrenten Lenovo untersagt, wegen der nationalen Sicherheit. Nun ist Acer taiwanesisch, also irgendwie auch ein bisschen chinesisch, aber doch eher ein fester Bestandteil der westlichen Welt. Was aber auch nichts heißt. Denn abgehört und spioniert wird ja auch unter Freunden, wie wir jetzt wissen.

Lieber Herr Shih, Lenovo scheint ja an der Übernahme von Blackberry ernsthaft interessiert gewesen zu sein. Und wenn Lenovo Blackberry gebrauchen kann, um global wettbewerbsfähiger zu werden, dann Acer doch schon lange, oder?

Beste Grüße!

Damian Sicking

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