Twitterbesoffen

Alle schwärmen von Twitters erfolgreichem Börsengang. Dabei macht der Konzern seit Jahren nur Miese und Besserung ist nicht in Sicht.

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Von
  • Jens Lubbadeh

Und ich dachte, die Menschheit wäre lernfähig. Aber nein, stattdessen schwärmen nun alle von dem tollen Börsengang, den Twitter am vergangenen Donnerstag hingelegt hat. Nur nochmal so als Randnotiz: Seit sieben Jahren gibt es Twitter. Und seit sieben Jahren macht der Kurznachrichtendienst Miese – alleine in diesem Jahr waren es 134 Millionen Dollar, Der Schuldenberg ist bereits auf 400 Millionen angewachsen. Dieses irrationale Verhalten erinnert doch stark an 1999, als es noch schick war, keine Gewinne zu machen, aber an der Börse irreale Fantasien zu wecken.

Nun gut, mit dem Börsengang hat Twitter seine Schulden nun erst einmal getilgt – insgesamt zwei Milliarden Dollar haben die Aktionäre in die Twitter-Kasse gespült. Fragt sich nur, wo künftig das Geld herkommen soll, denn nach wie vor fehlt Twitter ein Geschäftsmodell.

Das hatte Facebook zwar auch lange Zeit nicht, machte aber vor seinem Börsengang im Mai 2012 jahrelang stark steigende Gewinne. Twitter hingegen kann nur Hoffnungen wecken. Aber warum eigentlich? Weil es mittlerweile ein wichtiges Medium geworden ist, das seine Relevanz während des arabischen Frühlings bewiesen hat. Wegen der 230 Millionen Nutzer weltweit? Wegen der steigenden Umsätze (auf 170 Millionen Dollar im dritten Quartal 2013).

So eindrucksvoll diese Zahlen klingen mögen, nur mal zum Vergleich: Facebook hat 1,19 Milliarden Nutzer, macht zwei Milliarden Dollar Umsatz und konnte im laufenden Jahr 2013 bereits fast eine Milliarde Dollar Gewinn verbuchen.

Während Facebook es immer besser versteht, seine gewaltige Nutzermasse in Werbedollars umzumünzen, ist fraglich, ob Twitter gleiche Steigerungsraten gelingen werden. Der Grund dafür ist einfach: Das Kurznachrichten-Social-Network ist für mobile Endgeräte gemacht – und die sind für Werber wenig attraktiv, weil die Nutzer auf ihnen Werbung ganz besonders innig hassen.

Solange Twitter kostenlos ist, ist es dazu verdammt, gegen andere kostenlose und werbefinanzierte Dienste zu konkurrieren, obwohl die eigentlich was anderes machen. Sprich: Twitter muss sich gegen Google und Facebook behaupten. Einziger Ausweg aus dieser Todesspirale: Twitter muss kostenpflichtig werden. Würde jeder der 230 Millionen Nutzer nur einen Dollar pro Monat zahlen, Twitter wäre sofort lukrativ. Ein Dollar – soviel kosten etwa zehn SMSe. Jeder Deutsche versendet 60 davon pro Monat. (jlu)