Ärmel hochkrempeln
Staatshilfe fĂĽr die Entwicklung NSA-freier IT-Systeme in Deutschland regt iX-Chefredakteur JĂĽrgen Seeger an.
- JĂĽrgen Seeger
Nach den ersten Snowden-Veröffentlichungen stellte sich die Welt im Vergleich zu heute noch nahezu als Datenschutzparadies dar. Der Ex-CIA-Mitarbeiter hatte gerade die angelsächsischen Spähprogramme Prism und Tempora ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Der Autor dieser Zeilen warnte vor der Nutzung außereuropäischer Clouds. Der Kanzleramtschef erklärte das Thema für beendet. Business as usual also.
Mittlerweile geht es um weit mehr als die Entscheidung über den Standort von Clouds. Es geht um eine metastasenartige Wucherung amerikanischer und britischer Überwachungs- und Spionagemaßnahmen in beinahe sämtliche Bereiche der Informationstechnik. Angefangen bei der Ausspähung des Datenverkehrs von Internetkonzernen über den Einbau von Hintertüren in Mobil-Betriebssysteme bis hin zu erzwungenen Implementierungsschwächen in Verschlüsselungsprotokollen. Dass da auch ein Kanzlerinnen-Handy nicht verschont bleibt, erscheint nachgerade zwangsläufig.
Man kann das beklagen, in den Chor der notorischen Amerika-Hasser einstimmen, das Internet als Teufelswerk verdammen, seine Hoffnungen auf zwischenstaatliche Datenschutz- und Anti-Spionage-Abkommen setzen.
Man sollte aber auch konstatieren, dass die Allgegenwart der US-Spionage durch die Dominanz von US-Technik und -Know-how im Internet ermöglicht wird. Sowie durch den Rückstand in Sachen IT-Produktion hierzulande: In Deutschland gibt es gerade einmal zwei Router-Hersteller und weniger als eine Handvoll Anbieter von Sicherheits-Accessoires, null Smartphone- oder Tablet-Bauer. Und die Erfindung von MP3 ist auch schon 30 Jahre her.
Wer also beispielsweise einem mittelständischen Hightech-Betrieb eine einigermaßen Wirtschaftsspionage-resistente IT-Infrastruktur empfehlen will, steht vor einem Problem. Welche Hard- und Software kann er einsetzen, die frei von Hintertüren ist?
Open Source ist ein möglicher Baustein. Aber vielleicht sollte die im Rahmen der Koalitionsgespräche aufgekommene Idee des Internet-Ministeriums ein bisschen in Richtung ITK-Ministerium ausgebaut werden. Zur Debatte ständen zum Beispiel auch Vergaberichtlinien der öffentlichen Hand. Soll in den Behörden Informationstechnik zum Einsatz kommen, die für ausländische Geheimdienste „transparent“ ist?
Und wenn sogar der Kohlebergbau immer noch subventioniert wird, warum dann nicht eine Zukunftsindustrie wie die ITK-Branche? Das könnte ein kleiner Beitrag für den Wiedereinstieg in eine deutsche IT-Industrie sein. Dass diese in absehbarer Zeit auf Weltmarktniveau agieren könnte, ist zwar unwahrscheinlich. Aber es gäbe wenigstens Alternativen für Kunden mit erhöhtem Sicherheitsbedarf in Deutschland. Und auch in den BRIC-Staaten dürfte das Interesse an NSA-freier IT-Technik nicht gering sein. (js)