Geschäft mit dem Beben

Sogar mehr als zwei Jahre nach dem Mega-Beben in Japan boomt das Geschäft mit der Desasterangst. Besonders die Bauindustrie spielt mit der Furcht.

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Von
  • Martin Kölling

Sogar mehr als zwei Jahre nach dem Mega-Beben in Japan boomt das Geschäft mit der Desasterangst. Besonders die Bauindustrie spielt mit der Furcht.

Die Erde in Japan kommt nicht zur Ruhe – und seit dem Mega-Beben 2011 auch die Seelen der in den letzten 90 Jahren tektonisch milde geprüften Tokioter nicht mehr. Dies verdeutlichte mir diese Woche die Werbung eines Eigenheimbauers, die ich in der U-Bahn sah.

Auf dem Poster hielt eine Statue, die an Auguste Rodins „Denker“ erinnerte, einen Bauplan eines Hauses in der Hand. Der Werbetext daneben schrieb seine Gedanken aus: „Wenn das Erdbeben kommt, ist mein Haus in Ordnung? Kann ich das vorher wissen?“ Damit verbunden wurde die Bitte, den Prospekt der Baufirma Polus zu bestellen.

Selbst in fachfremden Gebieten wird mit der Erdbebensicherheit geworben. Das Jikei-Universitätskrankenhaus, das ich diese Woche besuchte, klärte seine Besucher mit einer in Stein gravierten Nachricht am Haupteingang darüber auf, dass man in diesem Krankenhaus dank modernster Bautechnik besonders sicher liegt (oder zu liegen kommt, so man das Mega-Beben überlebt). Die Betonung dieses Anspruchs ist wohl vor dem Hintergrund wichtig, dass der Wettbewerb um lukrative Patienten schon recht hart ist. Ein anderes privates Hospital hat ein gerade mal 20 Jahre altes Gebäude neu errichtet, weil das Aussehen nicht mehr dem Anspruch genügte, eine führende Klinik zu sein.

Auch an anderer Stelle profitieren Baukonzerne von der neu entfachten Erdbebenangst. In ganz Japan werden alte Gebäude entweder durch neue ersetzt oder bautechnisch nachgerüstet. Die Regierung hat dafür in Konjunkturprogrammen großzügig Gelder zur Verfügung gestellt. Ein Wohnhochhaus aus den 1970er Jahren in meiner Nachbarschaft beispielsweise, das schon vor mehr als zehn Jahren durch Stahlträger verstärkt wurde, wird nun für weitere „Erdbebenmaßnahmen“ neu eingehüllt. Die Baufirma kann sich danach wahrscheinlich das Hauptquartier mit Silber auslegen, wenn nicht sogar Gold.

Aber auch der Einzelhandel geht nicht leer aus. Seit uns die noch vergleichsweise milden Erdstöße im März 2011 in Tokio kurz Todesangst versetzt haben, platzieren Vorortkaufhäuser Katastrophenschutzmaterialien von Akkus, diversen Helmen über Notstromaggregate, Notrationen und superlange haltbares Wasser bis hin kleinen Solarzellen zur Handy-Betankung gut sichtbar. Und aus meiner Erfahrung kann ich versichern, dass mehr Tokioter konsequenter vorsorgen als vor dem Beben. Ich jedenfalls sorge dafür, immer für mindestens zwei Wochen Wasser in Flaschen und Müsli zur Körperstärkung vorrätig zu haben. Erdbeben sind schlicht ein gutes Geschäft, selbst bevor sie treffen und für einen Neubauboom sorgen. (jlu)