Lieber bequem als sicher
Mit dem ersten schweren Verkehrsunfall eines autonomen Autos wird die Technologie verschwinden, prophezeien viele. Wenn es so wäre, gäbe es heute überhaupt keine Autos.
- Robert Thielicke
Mit dem ersten schweren Verkehrsunfall eines autonomen Autos wird die Technologie verschwinden, prophezeien viele. Wenn es so wäre, gäbe es heute überhaupt keine Autos.
Vor hundert Jahren war das Auto eine, man kann es nicht anders sagen, todbringende Maschine: 1907 war das Risiko, im Straßenverkehr zu sterben, 62 mal so hoch wie heute, jedenfalls gemessen am damaligen Fahrzeugbestand. Trotzdem fuhren die Menschen. 100 Jahre später ist die Gefahr drastisch gesunken, aber das Auto ist immer noch weit gefährlicher als Bahn und Flugzeug. Dennoch fahren mehr Menschen als je zuvor. Das Auto hat sich nicht durchgesetzt, weil es so sicher ist. Sondern weil es so bequem ist.
Da mutet es seltsam an, beim ersten Unfall eines Roboterautos gleich das Ende der Selbstfahr-Technologie zu prophezeien. Oder darauf hinzuweisen, dass ein autonomes Auto sage und schreibe 240 Millionen Kilometer zurücklegen müsste, um zu beweisen, dass es ebenso sicher fährt wie ein Mensch. Denn nach dieser Logik würde auf deutschen Autobahnen schon längst durchgängig ein Tempolimit von 120 gelten, schließlich sind 200 Kilometer pro Stunde zweifelsohne gefährlicher. Kein Auto hätte einen Tempomat, weil der Beweis, dass es keinen Schaden anrichtet, nie erbracht wurde.
Technologien wie diese haben sich durchgesetzt, weil Autofahrer es so wollten. Weil der Genuss und die Bequemlichkeit wichtiger waren als die Sicherheit. Genauso wird die Entwicklung bei den Roboterautos laufen. Sie kommen Schritt für Schritt, und die Menschen werden sie schrittweise schätzen lernen. Sie werden erst im Stau das Lenkrad abgeben, dann generell auf der Autobahn, schließlich im Stadtverkehr – zunächst vielleicht auf speziell ausgebauten Spuren, dann überall. Am Ende werden sie diesen Luxus genießen.
Wie gefährlich er ist, muss sich zeigen. Ende Oktober versuchte Google die Angst vor seinen Roboterautos zu nehmen, indem Projektleiter Chris Urmson das Ergebnis eines Vergleichs zwischen Roboterautos und menschlichen Fahrern bekanntgab. Demnach würden letztere wesentlich stärker beschleunigten und abrupter abbremsen als autonome Fahrzeuge. “Wir verbringen dadurch weniger Zeit in Fast-Kollisions-Zuständen“, sagte Urmson auf einer Robotik-Konferenz in Santa Clara. „Unser Auto fährt sanfter und sicherer als unsere trainierten Profi-Fahrer.”
Es war ein schwacher Hinweis. Nach wie vor könnten selbstfahrende Wagen todbringender sein als menschliche Fahrer. Aber so lange autonome Autos kein breites Verkehrschaos auslösen und nicht zuhauf in Fußgänger rasen, so lange die Gefahr also nicht drastisch höher ist, werden Menschen sie in Kauf nehmen. Genauso wie sie heute das Risiko eingehen, mit 200 Kilometern pro Stunde über die Autobahn zu rasen. Der Gesetzgeber wird ihnen ebenso wenig Steine in den Weg legen wie er es heute tut. (rot)