ARD erweitert Aussprache-Datenbank für Fußball-WM
Sie ist eines der meist genutztesten Werkzeuge der ARD: Die Aussprache-Datenbank mit 340.000 Begriffen verrät, wie schwierige Wörter richtig ausgesprochen werden. Für "Tagesschau"-Sprecher ist sie unverzichtbar.
Die ARD wappnet sich mit ihrer Aussprache-Datenbank (ADB) für die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Brasilien. Momentan recherchiert ein Team von etwa zehn Mitarbeitern, wie jeder der etwa 700 Spielernamen richtig ausgesprochen wird, teilte der ADB-Leiter, Roland Heinemann, vom Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main mit.
Auch die Namen aller Schiedsrichter, Linienrichter, Trainer, Stadien, brasilianischen Regionen oder die volkstümlichen Bezeichnungen der Mannschaften würden in einer speziellen Liste angelegt. Am Ende soll sie rund 900 Begriffe enthalten, die während der WM vor allem Fußball-Kommentatoren oder Reportern bei ihrer Arbeit vor Ort helfen soll, sagte Heinemann weiter.
Eyjafjallajökull und Paraskavedekatriaphobie
Auf die ADB greifen Nachrichtensprecher zu, die mitunter wahre Wort-Akrobaten sein müssen. Wenn die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull in der Gemeinde Rangárþing eystra den europäischen Flugverkehr lahmlegt. Oder das mulmige Gefühl der Paraskavedekatriaphobie umgeht – die Furcht vor dem angeblichen Unglücksdatum Freitag, dem 13. Für Herzklopfen sorgen auch die neuen Werke der französischen Schriftsteller Michel Houellebecq und Frédéric Beigbeder. Den Moderatoren sollte dann besser "WellBeck" und "Begbedee" anstelle von "Hellebeck" und "Bäschbehda" über die Lippen gehen.
Wechselt der Generalsekretär der Vereinten Nationen von "Koo-fi Annahn" zu "'Bahn Ki-Muuhn", verlassen sich die Sprecher des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seit mehr als 16 Jahren auf die ADB, die wie eine Art interne Wikipedia funktioniert, erklärt ihr Leiter, Roland Heinemann. Mit wenigen Klicks verrät das Programm, wie man schwierige Wörter korrekt ausspricht.
20.000 neue Informationen jährlich
Heute stehen rund 340.000 Fachbegriffe, Ausdrücke oder Namen zum Abruf bereit – mehr als das ähnliche BBC-Archiv mit über 200.000 Einträgen. Jedes Jahr wächst die interne ARD-Datenbank – deren Software vom Wiesbadener Unternehmen Hirschbiegel + Grundstein programmiert wurde – um etwa 20.000 Informationen. Die Aussprache-Datenbank sei das wichtigste Hilfsmittel aller Nachrichtensprecher, sagt Jan Hofer, Chefsprecher der "Tagesschau".
"Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis liest gerade die Morgennachrichten vor – ihr Chef hört mit. Hofer tastet nach einem schwanenhalsförmigen Mikrofon: "Das haben Sie sehr schön gemacht." Letztens habe er Zervakis indes bei einem "Sid-nei" erwischt, "Sid-ni" sollte das aber heißen, sagt er.
"Annan, like German Anna"
Hofer fährt an einem Computer mit der Maus über ein blaues Suchfeld, tippt den Namen des früheren UN-Generalsekretärs ein. Die ADB spuckt "Annan" in einer Liste aus – als Lautschrift, als verständlichere Umschrift, als MP3-Datei, als Hintergrund-Information. "Wir haben ihn Anfang Ännen genannt, da er aus Ghana kommt, da spricht man Englisch", sagt Hofer.
Ein Korrespondent habe ihn später nach der richtigen Aussprache gefragt: "Annan, like German Anna", lautete die Antwort. In der Datenbank ist sie nun als Quelle unter dem Zeitstempel 17.02.1998 verbucht. In der Regel würde jedoch in Botschaften, Konsulaten oder Auslandskorrespondenten nachgefragt, in Enzyklopädien nachgeschlagen oder fremdsprachige Kollegen angerufen.
Die ADB wird vom Hessischen Rundfunk verwaltet – ursprünglich wegen des kurzen Drahts zur Duden-Redaktion in Mannheim. "Der Aussprache-Duden war die Grundlage für die Aussprache-Datenbank. Allerdings ist er teilweise veraltet, weil sich die Sprache ständig ändert", erklärt Hofer. Ein weiteres Problem: Das Nachschlagewerk lehne sich bei Ortsbezeichnungen eng an die Lautsprache an, berücksichtige aber kaum die regionalen Gepflogenheiten.
"Der Zuschauer muss immer wissen, um was es geht"
Aus manchen Sprachen könnten Aussprachen nicht 1:1 übernommen werden, etwa beim Arabischen. Diese Wörter würden für die Ohren hierzulande eingedeutscht, "weil manches auch in Deutsch merkwürdig klingen würde, wenn wir es so aussprechen würden", sagt Hofer. Es gilt der Grundsatz: "Der Zuschauer muss immer wissen, um was es geht." Auch regionale Sonderregeln für die staatlichen schweizerischen, österreichischen und italienischen Rundfunksender, die ebenfalls an die ADB angeschlossen sind, wurden eingepflegt. Für Österreicher heißt es eben "Schiraffe", nicht "Giraffe", erklärt Heinemann.
Das ZDF unterhält übrigens keine eigene Datenbank, sondern verlässt sich nach Angaben eines Sprechers auf die Kommunikation unter den Kollegen.
Die Regeln der ADB sind für alle Mitarbeiter im Sendegebiet der ARD verbindlich. Trotz des digitalen Helfers sind jedoch selbst erfahrene Ansager gegen manchen fiesen Versprecher nicht gefeit: "Mit Massachusetts habe ich es nicht so", sagt Zervakis, "vor kurzem bin ich über das Wort irregulär gestolpert. Das kann passieren, vor allem nachts, wenn man unkonzentriert ist." (anw)